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Bader: Neue Regulierungen oder Systemwechsel?

Regina Joschika30.10.200917:10

Die mit zwei Medienpreisen ausgezeichnete österreichische Journalistin Alexandra Bader hat beim diesjährigen Elevate Festival die Diskussionsveranstaltungen verfolgt und für den Elevate Blog zusammengefasst bzw. kommentiert - die letzte ihrer scharfsinnigen Analysen könnt ihr hier nachlesen.

 

Das Elevate Team bedankt sich bei Alexandra Bader für die ausführlichen Beiträge!

 

Neue Regulierungen oder Systemwechsel?

Immer wieder stellen ReferentInnen und TeilnehmerInnen fest, dass auf die Krise in einer Weise reagiert wird, die genau die Zustände fortschreiben soll, die zur Krise führten. Aber wie kann man Maßnahmen beurteilen und Alternativen durchsetzen? Darüber diskutierten der Publizist Christian Felber (http://christian-felber.at), die Ökonomin Gabriele Michalitsch, der Politologe Joachim Hirsch (www.links-netz.de), der Ökologe Andreas Exner (www.social-innovation.org) und die Sozialwissenschafterin Kristina Bayer (www.fsoe.de) unter der Moderation von Leo Kühberger (Radio Helsinki, Graz).

Viel Aufmerksamkeit erregt die Idee eines „Green New Deal“, die US-Präsident Barack Obama propagiert. Andreas Exner meint zu den Zielen in diesem Deal (Vollbeschäftigung, Kapital wird für ökologischen Strukturwandel eingesetzt, Profitmöglichkeit) , dass man Klimaschutz damit kombinieren will, Profit zu machen, der Energiekrise vorzubeugen und Arbeitsplätze zu schaffen.  Es geht also um Wachstum, das "anders" sein soll, und das ist mehr als problematisch angesichts einer Situation, in der mehr Wachstum nur das bestehende System fortschreibt und genau das fatal ist. Es ist, betont Exner, ja keineswegs ein Zufall, dass in der Namensgebung Anleihen genommen werden beim historischen New Deal Roosevelts. Auch dieser war ein Top Down-Programm nach der Weltwirtschaftskrise, das gegen "teilweise sehr militante und autonome GewerkschafterInnen" durchgesetzt wurde und diese auch in bestehende Strukturen einband, um ihnen die Radikalität zu nehmen.

Da drängen sich durchaus Parallelen dazu auf, wie mit dem Potential der Umweltschutz- und Klimabewegung umgegangen wird, das sich nicht darauf einlassen darf, ein bestehendes System zu stützen. Ein Resultat der Einbindung von Gewerkschaften ist, siehe Sozialpartnerschaft, dass sie keine Perspektive mehr sehen außerhalb tradierter Ordnungen. Sie könnten aber, betont Exner, der selbst Gewerkschafter ist, eine sehr wichtige Rolle spielen. Die "Ökologische Wende" wird gerne als Umstellung auf effiziente Nutzung von Ressourcen und auf erneuerbare Energien beschrieben. Entscheidend ist aber eine Orientierung an Suffizienz: Was wollen wir, was brauchen wir, was brauchen wir nicht? Denn wenn wir Effizienzsteigerung und Gewinn wollen, führt das zu neuen Problemen.

Effizienz bedeutet nicht, dass etwas auch effektiv ist, sagt Exner, und bringt als Beispiel die Frage des motorisierten Individualverkehrs: wollen wir mehr Autos, die effizienter sind? Außerdem ist auch die Möglichkeit zur Effizienzsteigerung begrenzt. Nach der Energiekrise in den 70er Jahren wurden darauf viele Anstrengungen verwendet, doch der damals realisierbare Effekt konnte sich nicht fortsetzen, er hat sich in den letzten 15 Jahren halbiert. Dann bleibt immer noch der Aspekt, was passieren wird, "wenn fossile Ressourcen wegbrechen". Erneuerbare Energien sind zwar etwas Gutes, sie bringen aber nicht die vom Kapitalismus erwarteten Effekte, denn ihr Aufkommen ist variabel, die Herstellung ist teuer, sie sind schlecht speicherbar und doch auch in der Nutzbarmachung auf nicht erneuerbare Ressourcen wie das Metall Lithium angewiesen.

Ist der Umstieg auf erneuerbare Energien möglich? 

Hier würden jene Exner energisch widersprechen, die sich wie der deutsche Politiker Hermann Scheer für den völligen Umstieg auf erneuerbare Energien einsetzen. Für Scheer und viele andere bedingt die Entscheidung für andere Energieträger bereits einen Systemwandel, da wir auch einen anderen Alltag haben würden, wenn wir unsere Energie selbst erzeugen oder von einer kleinen, von uns vielleicht mitverwalteten Solar-, Wind- oder Biogasanlage beziehen. Es wäre das Ende der traditionellen Energiekonzerne mit ihrer engen Verflechtung mit der Politik, die man auch an der "Entsorgung" altgedienter Politiker in den Konzernen sieht. Für Exner ist es schon von der derzeitigen Verteilung der Energiegewinnung her illusorisch, auf erneuerbare Energien zu hoffen.

Denn wir nutzen zu 80% fossile Energie, zum Rest gehört neben Atomkraft vor allem Biomasse, während Wind- und Solarenergie nur einen verschwindend geringen Anteil haben. Wir werden auch nur einen Teil der Autos auf Elektromotoren umstellen können. Daher findet Exner auch den von anderen verwendeten Begriff der "Schrumpfungsökonomie" unpassend, da wir "große Teile der Produktion ersatzlos stilllegen müssen". Die dann fehlenden Arbeitsplätze im traditionellen Sinn bedeuten, dass mehr Zeit für besseres soziales Leben verfügbar ist. Exner spricht sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus, zu dem er auch publiziert hat.

Solidarische Ökomie ist anders Wirtschaften im Alltag

Strategisch geht es nicht darum, als Zivilgesellschaft gegen den Staat zu agieren, sondern veränderte Alltagspraxis zu leben. Freilich sind "Brückenköpfe im Staatsapparat" notwendig, wie etwa das brasilianische Staatssekretariat für Solidarische Ökonomie. Dazu nimmt dann auch Kristina Bayer Stellung, die Zeit in Brasilien verbrachte und betont, dass der Funke, welcher nun auf Europa überspringt, aus Lateinamerika kommt. In Brasilien gab es neben der Nischenökonomie, mit der sich Arme über Wasser halten, auch Betriebsübernahmen durch ArbeiterInnen im großen Stil. Genossenschaften waren immerhin auch bei uns die dritte Säule der Arbeiterbewegung, wurden aber nie so recht ernstgenommen.  

Die Debatte ist bei uns auch deswegen nicht neu, weil es bereits vor Jahren etwa die Gründung der Öko-Bank in Deutschland gab. Die Probleme sind also seit langem bekannt, nur haben weder die Linke noch die Forschung vermocht, ein Leitbild zu schaffen, das sich dann auch in den Köpfen der Menschen verankerte, sodass Alternativen für breite Kreise denkbar sind. Tatsächlich geht es, wie auch Kristina Bayer betont, um anderes Alltagshandel, darum, andere Formen zu schaffen und zu leben, und das hier und jetzt.

Bayer betreut Gruppen und Einzelpersonen auf dem Weg in die Solidarische Ökonomie in der Region Nordhessen, die wie andere strukturschwache Gebiete von Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Abfluss von Kapital, Ausverkauf von Grund und Boden, vom Verlust des Naturbezuges und von mangelnden Perspektiven gekennzeichnet ist. Anders Wirtschaften bedeutet hier, ein anderes Modell zu schaffen, intakte Natur zu erhalten, Geld durch Genossenschaften (in welcher konkreten Rechtsform auch immer, wichtig ist das Gemeinschaftliche) in der Region zu bündeln, wieder mehr auf soziale Beziehungen zu achten, die auch auf dem Land verloren gehen, wo sie früher so wichtig waren.

Es geht um Formen der Kooperation, von denen wir träumen oder wo wir meinen, sie neu erfinden zu müssen, dabei sind sie (noch) vorhanden. „Es hat etwas Traditionelles, die eigenen Wurzeln zu verstärken“, meint Bayer, und das ist für viele Linke sicher erstmal ungewohnt. „Manche sehen das als rückwärtsgewandt an, es ist aber ein wichtiger Perspektivenwechsel, der viel bewegt.“ Denn es ist etwas anderes, bei dem anzuknüpfen, was Menschen bereits tun oder getan haben, als ihnen (wissenschaftlich untermauert, aus der Stadt kommend) etwas Neues nahezubringen.

Konkret bedeutet solidarisch Wirtschaften beispielsweise, den in Nordhessen angebauten Flachs in einer Produktionskette zu den KäuferInnen zu bringen. Anbau, Ernte, Verarbeitung, Handel mit den Textilien und Verkauf kommen so der Region zugute. Oft werden sehr wertvolle landwirtschaftliche Produkte vernichtet, weil man sie nicht schätzt, da sie nicht zu konkurrenzfähigen Preisen angeboten werden können, während sie durch solidarisches Wirtschaften dennoch den Weg zu bewussten KäuferInnen finden.

Ein positives Beispiel aus Nordhessen ist die Initiative zweier Landwirte, Bioernährung für öffentliche Einrichtungen anzubieten. Sie mussten dafür durchaus hartnäckig kämpfen, doch nun gibt es Bio-Catering für Schulen, Kindergärten, Institutionen. Jedes Essen kostet um 50 Cent mehr als beim Billiganbieter, der es über hunderte Kilometer anliefert und keine hochwertigen Lebensmittel verwendet. Über das Projekt gibt es mittlerweile auch Bildungsarbeit für Kinder, um SchülerInnen durch Besuche und Praktika auf Bauernhöfen alltäglichen Naturbezug zu vermitteln.

Müssen wir Kooperation erst wieder lernen?

Landkommunen, die einst als beliebte Alternative zum herrschenden Leben galten, sind nicht unbedingt die Trägerinnen der Veränderung, meint Bayer. Denn freies, selbstverwaltetes Arbeiten ist eher ein städtisches Konzept, wie ja auch viele Initiativen zur Solidarischen Ökonomie im urbanen Bereich zeigen. Das Konzept der Kommune ist für eine breite Bevölkerung nicht attraktiv, sondern wird als zu schwierig und zu elitär empfunden, der Gegensatz zum gewohnten Alltagsleben ist zu groß.

Solidarisch Wirtschaften im ländlichen Raum hat oft herkömmliche Formen wie Aktiengesellschaft oder GesmbH, doch es kommt natürlich immer darauf an, was Menschen aus ihren Projekten machen. Im Bereich Alternativer Energien gibt es beispielsweise verschiedene Rechtsformen, aber AnbieterInnen, die sich dann zu einem Netzwerk zusammenschließen. Für uns alle ist es schwierig, permanent mit anderen zu kooperieren, meint Bayer, denn wir haben in unserer Sozialisation davon nicht mehr viel mitbekommen. Wir müssen das erst wieder lernen, was nicht ohne Widersprüche abgeht. Gegen die Tendenz, dass manche Menschen in Projekten autoritär agieren wollen, hilft am besten, wenn etwas von der Anzahl der AkteurInnen her überschaubar bleibt und die Abläufe transparent sind.

Veränderung ist nicht im Konjunktiv möglich

Joachim Hirsch meint, es habe keinen Sinn, dauernd „man müsste“ zu sagen, denn es geht darum, unmittelbar im eigenen Leben zu beginnen, anders zu handeln, also dort, wo jeder Mensch auch Einfluss nehmen kann auf die Rahmenbedingungen. Zur (noch) fehlenden Klammer, dem Identifikationserlebnis oder dem Begriff, in dem sich Menschen wieder finden (wie es bei ArbeiterInnen- oder Frauenbewegung der Fall war/ist) meint Hirsch, dass Ereignisse notwendig sind. Sie schaffen eine Bindung und bringen weitere Menschen dazu, sich zu engagieren.

Er verweist auf die Proteste in Genua (zum Gipfel der G 8) und Seattle (WTO-Gipfel), die weltweit medial wahrgenommen wurden. „Es muss etwas auf der Straße stattfinden“, sagt Hirsch bezogen auf den Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember 2009. Da wird ja auch, siehe einer der früheren Blogeinträge, heftig diskutiert, wie massiv der Widerstand sein soll, ob es überhaupt sinnvoll ist, „gegen“ etwas aufzutreten, das zwar reichlich verwässert sein wird (Nachfolgeprotokoll zum Kyoto-Protokoll), aber besser als nichts.

Hirsch wendet sich nicht dagegen, dass Menschen das bestehende System analysieren, denn „der Kapitalismus braucht Alternativen, und es muss Leute geben, die sie formulieren“. Das darf aber nicht dazu führen, dass Zirkel von „abgehobenen BeraterInnen“ diskutieren und das Handeln in der Alltagspraxis anderen überlassen. Eine andere Gesellschaft braucht andere Organisationsformen, mit anderen Worten: „wir brauchen so etwas wie eine Kulturrevolution“. Es macht dabei keinen Sinn, Menschen nur „dort abzuholen, wo sie sind“, denn es braucht immer Provokation, dadurch werden die Leute angesprochen. „Veränderung geht immer von Minderheiten aus.“

Alternativen sichtbar machen

Christian Felber gehörte zu den GründerInnen von Attac in Österreich und stimmt zu, dass Provokationen wichtig sind. Massenproteste sind ebenso ein Signal wie „Irritiationen im öffentlichem Raum“. Auf diese setzt auch Attac, etwa mit einem riesigen Transparent „Mensch vor Profit“ auf dem Berghang gegenüber vom Forum Alpbach diesen Sommer, als „das Establishment sich selbst hinsichtlich der Auswege aus der Krise belog“, aber Kritiker wie Attac nicht eingeladen waren.

Analysen und Aktionismus sind notwendig, sie ergänzen sich ja auch. Dabei ist auch wichtig, dass sich Organisationen für andere öffnen, was unter anderem bei Attac sehr stark diskutiert wird, wo nun Bauern und Bäuerinnen und alternative Unternehmen eingebunden werden. So war es auch möglich, dass 270 Organisationen bei der Demonstration „Wir zahlen nicht für eure Krise!“ im März dieses Jahres in Wien dabei waren. Außerdem ist diese Offenheit auch der Grundsatz, auf dem die Weltsozialforen basieren.

„So entstehen alternative Lebenspraktiken“, meint Felber, und tatsächlich ist zu beobachten, dass einerseits NGOs stärker auch „themenübergreifend“ kooperieren (weil im Grunde alles zusammenhängt), andererseits sehr vieles in Selbsthilfe und Selbstorganisation entsteht, das sowohl zu anderen Lebensentwürfen als auch zu solidarischem Wirtschaften gehört. Felber wünscht sich dennoch, dass es einen „Identifikationsanker über gesellschaftliche Grenzen hinweg“ gibt, in dem sich alle wieder finden, die anders leben wollen. Bei aller Intensivierung der Kooperation verstehen sich viele aktive Menschen noch nicht als gemeinsam mit anderen für ein gemeinsames Ziel agierend. Oder, wie Felber im Workshop mit Joachim Hirsch (siehe Blogeintrag) sagte: „Wie kann das ‚unten’ mehr voneinander wissen?“.

Zum Sichtbar machen gehört auch, dass „die alternative Bank“, „das alternative Unternehmen“ vorgestellt werden, denn jedes Mal, wenn das passiert, muss das Establishment erklären, warum es weiterhin „das Übliche“ will. Zum „Green New Deal“ merkt Felber an, dass der ursprüngliche New Deal zur sozialen Marktwirtschaft führte, während es nun um eine ökosoziale Marktwirtschaft geht. „Aber auch ökosozialer Kapitalismus bleibt Kapitalismus“ und ist am Gewinnstreben orientiert. Den Unterschied zu dem, was wir wollen, macht Felber an einem Beispiel deutlich.

Die „Demokratische Bahn“ möchte allen Menschen bequeme Mobilität bieten, am besten ohne Tarife einzuheben. Wenn sie ihr Ziel erreicht hat, wird sie nicht mehr weiter wachsen. Die „ökosoziale Autoproduktion“ erreicht ihr Ziel nie, sondern wird immer versuchen, noch mehr Autos zu verkaufen. Es wird aber früher oder später Versorgungszusammenbrüche geben, denn wir haben eine Schere aus rückläufiger Erdölproduktion und steigendem Verbrauch. Daher wird der Markt die Autoproduktion stilllegen und man muss den Beschäftigten Alternativen anbieten – eben die „Demokratische Bahn“, die man auch ohne Zwang verwirklichen kann.

Es geht um unser Leben, nicht um Weltverbesserung

Andreas Exner meint, dass wir bei aller Wichtigkeit der Analyse nie vergessen dürfen, dass es um uns und unsere „Bedürfnisse und Leidenschaften“ geht. Es macht keinen Sinn, „immer allein die Welt retten zu wollen“, denn mit diesem Anspruch kann man irgendwann keine Alternativen mehr denken, weil man völlig ausgelaugt ist. Klar, denn dieses Ziel scheint ja unerreichbar, und wer sich nicht (allerdings wiederum aus persönlichen Motiven) mit seinem / ihrem Namen profilieren will, tut besser daran, einfach anders zu leben, wo das bereits möglich ist.

Angesichts der Dichte an Informationen, der Fülle an Diskussions- und Workshopbeiträgen kann wohl nicht genug betont werden, dass, wie Exner es ausdrückt „am Anfang die eigene Leidenschaft“ steht. Da alle Bewegungen im herrschenden System entstehen, ist die Tendenz immer groß, nach anfänglichem Enthusiamus für anderes und anders sein wollen auch Herkömmliches einreißen zu lassen. Man will „denen da oben“ etwas „entgegensetzen“ und sieht sie nicht als Menschen, die vielleicht dankbar wären für Alternativen, die deswegen auf gewohnte Weise handeln, weil sie meinen, es gäbe keine anderen Möglichkeiten. Sie sind wohl am leichtesten zu überzeugen, wenn Menschen, die etwas ändern wollen, einfach anders handeln, statt es zuerst von „denen da oben“ zu fordern. Außerdem reisst auch bei jenen, die alles verändern wollen, leicht ein, dass sich manche selbst einen Namen machen wollen, oder auch, dass jenen, die ihre Ideen formulieren und propagieren, unterstellt wird, es gehe ihnen nur um sich selbst.

Der Großteil der Ökonomie ist außerhalb des Marktes

Gabriele Michalitsch, die sich auch mit Gender Budgeting und feministischer Ökonomie befasst, weist darauf hin, dass es verkürzt ist, nur marktökonomisch zu diskutieren. In Wahrheit ist aber der nicht gewinnorientierte Bereich ein erheblicher Faktor, denn er umfasst den Öffentlichen Sektor, die Non Profit-Organisationen, den Haushalt und die nicht bezahlte, meist von Frauen geleistetet Arbeit im Allgemeinen. „Das geht weit über die Solidarische Ökonomie hinaus“, betont Michalitsch.

Es muss auch darüber geredet werden, was gesellschaftliche Anerkennung findet, welche Arbeit „wert“geschätzt wird. „Wir brauchen ein erweitertes Verständnis von Ökonomie.“ Dabei müssen wir uns jenseits kapitalistischen Denkens bewegen, denn es ist eine Frage der gesellschaftlichen Veränderung, die auf allen Ebenen ansetzen soll. Michalitsch stimmt der Analyse zu, dass die sozialkritische Bewegung ihre Ansichten noch nicht so weit in den Mainstream einbringen konnte, dass sie Identifikationsfaktoren aufweist und wie die Kritik der 68er vom Establishment aufgenommen worden wäre.

Der „Gender-Faktor“, auf den Michalitsch zu Recht hinweist, kann insofern wohl nicht ernst genug genommen werden, als dass ja auch die Art und Weise, wie analysiert wird und wie Erkenntnisse vermittelt werden, patriarchale Wertigkeiten widerspiegeln können. Zumindest folgt man leicht selber herkömmlichen Vorstellungen, indem vor allem an den Verstand, weniger aber an das Gefühl appelliert wird, mit Fakten und Zahlen um sich geworfen wird, während bereits gelebte Alternativen weniger vorkommen. Diese Herangehensweise folgt natürlich insofern dem herrschenden Diskurs, als dass versucht wird, durch Befolgung der Kriterien zu überzeugen, die auch „die oberen“ anwenden.

Kristina Bayer hakt bei Michalitsch ein und verweist auf Gemeinschaften, in denen die einen Lohnarbeit nachgehen, andere sich aber um Kinder, Haushalt und anderes kümmern und jeder Beitrag aus gleichberechtigt und gleichwertig betrachtet wird. Immerhin ist zwei Drittel der weltweit geleisteten Arbeit im Reproduktionsbereich angesiedelt, sie wird meist unbezahlt von Frauen verrichtet. Außerdem gehen wir bei unseren Analysen von der herrschenden Ökonomie aus, die Familien ja gar keinen Raum gibt.

Menschen wollen aber mit anderen zusammensein, feiern, gutes Essen zu sich nehmen. Wir sollten einfach fragen, was wollen wir wirklich in unserem Leben, was möchten wir tatsächlich konsumieren, was brauchen wir. Bei einer anderen Alltagspraxis wird die persönliche Lebensqualität im Vordergrund stehen. „Es geht nicht um ein Leben voller Verzicht, sondern um ein besseres Leben, ein erfüllteres Leben.“ Dazu gehört auch Bezug zur Natur, denn auch dies ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis.

Den Alltag verändern ist ein besserer Weg, als wieder nur auf neue Regelungen und Ordnungen zu setzen, denn alles Neue muss von unten kömmen und auch gelebt werden. Es geht dabei auch um die Sicherung öffentlicher Güter, denn die Bedarfsicherung beispielsweise bei Wasser oder Energie muss in unseren Händen sein, und darf nicht bei privaten Konzernen liegen. Generell ist die Frage der Daseinsvorsorge auch die Leitlinie für solidarisches Wirtschaften. Auch Kristina Bayer meint aber, dass der entstehenden Bewegung „das gemeinsame Ereignis“ fehlt, das etwa die StudentInnen- oder die ArbeiterInnenbewegung durchaus hatte.

Conclusio: Wie kommen wir zur Welt, in der wir leben wollen?

 

Beim Reflektieren der Fülle an Eindrücken, Informationen, Analysen und Ansichten wird klar, dass es sich (vielleicht erstmals) um eine Bewegung handelt, die von sehr unterschiedlichen Zugängen zu gemeinsamen Anliegen kommt. Daher wird es möglicherweise das alle verbindende Ereignis oder die einprägsame Forderung gar nicht geben können. Es ist durchaus ein Faktor der Stärke, wenn dezentrale Bewegungen, die von Menschen getragen werden, die mit Veränderungen in ihrem Alltag begonnen haben, gar nicht als die Bewegung agieren.

Wichtiger ist wohl, dass man voneinander weiss und sich solidarisiert und die Zusammenhänge erkennt. Dieser Aspekt wurde auch immer wieder betont, etwa wenn Kampf gegen verschärftes Fremdenrecht als Unterstützung für die Anliegen der Kleinbauern und –bäuerinnen und Landlosen verstanden wird, auch die Klimabewegung hier solidarisch ist und fordert, dass veränderte klimatische Bedingungen ebenfalls zu den anerkannten Asylgründen gezählt werden. Längst treten ja Umweltschutz- und Sozialinitiativen gemeinsam auf, indem sie verlangen, dass auch Menschen mit geringeren finanziellen Ressourcen Zugang zu Energiesparen, Wärmedämmung und guter Nahrung haben.

Das Beispiel des solidarischen Wirtschaftens auf dem Land, wo es eigentlich „nur“ darum geht, an Traditionen anzuknüpfen und sie mit Neuem zu verbinden, zeigt auf, wie man Alternativen so vermitteln kann, dass Menschen sie für lebbar halten. Es ist etwas fundamental anderes, mit urban-akademischen Konzepten zu kommen als zu sagen „ihr wisst bereits, wie es geht, denn ihr macht es in manchen Bereichen, ihr könnt es in noch mehr Bereichen tun“. So, wie „der Norden“ in der Frage des Umdenkens vieles von „dem Süden“ lernen kann, verhält es sich auch mit Stadt und Land.

Und die Liste ließe sich fortsetzen: „Einheimische“ lernen von Zuwanderern, die ihre eigene Ökonomie geschaffen haben, weil sie in vielen Bereichen beruflich diskriminiert werden. Männer lernen von Frauen, wie man im Alltag und dabei insbesondere in dem Bereich, der Arbeit genannt wird, mehr Wert auf soziale Beziehungen legen kann. „Mächtige“ lernen von „weniger Mächtigen“, wie man Dinge auch tun kann, wie man Beziehungen untereinander organisieren kann, ohne Druck auszuüben und in Hierarchien zu denken.

Dabei darf nie vergessen werden, dass diejenigen, die es noch nicht anders machen (oder anders machen wollen), keine Feinde oder Gegner sind (denn das ist altes Denken), sondern potentiell bereits Überzeugte. Umso mehr Menschen Beispiel geben, indem sie anders handeln und leben, desto stärker wird die alte „Macht“ erodieren. „Mächtige“ sind meistens Menschen, die in Funktionen gelangt sind, wo sie sich, um nichts falsch zu machen, an dem orientieren, was andere vor ihnen getan haben oder zugleich mit ihnen tun (also was „üblich“ ist).

Vieles, das zivilgesellschaftlich und von jenen, die Alternativen suchen und leben, gedacht und getan wird, ist so grundlegend anders als das, was für Menschen mit „Macht“ unabdingbar scheint, dass es für sie ein Sprung in zu kaltes Wasser wäre, anders zu agieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie dabei glücklich sind oder voll Befriedigung Macht ausüben („endlich kann ich andere unterdrücken, ihnen was anschaffen?“) – ihnen geht es mit dem Leben, das sie sich wünschen, wohl so ähnlich wie uns, die wir „unten“ sind: es ist im Konjunktiv vorhanden. Sie meinen, wenn sie erst dieses und jenes getan oder sich hier und dort abgesichert haben, könnten sie ein erfülltes, besseres Leben führen. Und wir? Wir meinen, „oben“ müsste diese oder jene Maßnahme getroffen, dies und das eingeführt werden.

Impulse für das „Ändern jetzt!“ gibt die Fülle an Beiträgen bei Elevate, doch Handeln müssen wir selbst. Dabei ist aber sicher sehr ermutigend, dass wir, auch wenn wir uns meistens gar nicht kennen, viele sind. Sicher werden den LeserInnen dieses Blogs auch noch viele Beispiele einfallen, die nicht vorgekommen sind. So ist es mir als „Chronistin“gegangen, und ich habe es auch persönlich ermutigend gefunden, was alles bereits zugleich passiert und wie ähnlich letztlich die Analysen sind, die von ganz unterschiedlichen Zugängen her angestellt werden.

 

Alexandra Bader

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