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Bader: Der Freitag im Rückblick

Regina Joschika23.10.200918:15

Der Freitag im Rückblick: Alexandra Bader kommentiert

Die ökologische Krise stand am vergangenen Diskussionstag beim Elevate Festival im Zentrum, diskutiert wurden die Zusammenhänge zwischen der Klima-, Ernährungs- und Ressourcenkrise und dabei einem Modell von nachhaltiger und zukunftsfähiger Landwirtschaft auf den Grund gegangen. 

Zahlreiche interessierte BesucherInnen haben die Veranstaltungen verfolgt und u.a. mit der Sprecherin von Via Campesina (eine weltweite Vereinigung von Bauern) Irmi Salzer, mit der Klimaaktivistin Mona Bricke sowie dem Experten für Landwirtschaft und Ernährung und unabhängigen Berater von Regierungen und NGOs Geoff Tansey mitdiskutiert. Darunter auch die mit zwei Medienpreisen ausgezeichnete österreichische Journalistin Alexandra Bader - sie hat an den Workshops und Diskussionen teilgenommen und sich im Anschluss gleich an ihren Computer gesetzt - ihre persönlichen Zusammenfassungen gibts hier im Elevate Blog nachzulesen.  

>> Fotos vom Freitag

Bader, 23.10.: Das Wachsen der Klimabewegung

Bader, 23.10.: Die globale Wirtschaft 

Hier der jüngste Eintrag: 

Bader, 23.10.: ein umfassender Systemzusammenbruch

Ökologie, Landwirtschaft, Gentechnik, Konzerne und Kapitalismus hängen zusammen, und das haben ExpertInnen aus verschiedenen Bereichen in einer Diskussion veranschaulicht. Etwa Andreas Exner, von der Ausbildung her Vegetationsökologe, der aber auch zum Grundeinkommen veröffentlicht hat (www.social-innovation.org). Für ihn ist der Kapitalismus die „Vermarktlichung“ aller Beziehungen. Für Geld werden Waren produziert, die mehr Geld einbringen sollen. Daher ist die Geldwirtschaft auch ein fundamentales ökologisches Problem, da sie mit Ressourcen und immer mehr Verbrauch gekoppelt ist.

Aus Geld muss einfach mehr Geld entstehen, das ist ein Wachstumszwang, an den sowohl Unternehmen gekoppelt sind als auch jene GewerkschafterInnen, die keine andere Perspektive entwickelt haben. In diesem System müssen unabhängige ProduzentInnen enteignet werden, denn das Kapital braucht Zugang zu allen Ressourcen. Die Enteigneten müssen stillhalten, was auch dadurch erreicht wird, dass man ihnen eine Entwicklungsperspektive im System anbietet. Ressourcen werden aber immer knapper, und ob „Peak Oil“ letztes Jahr erreicht wurde, wie viele annehmen, oder ob der Höhepunkt der Förderkapazitäten noch nicht überschritten wurde – Tatsache ist, dass nicht erneuerbare Ressourcen knapper werden.

Denn es wird stets mehr davon benötigt und die Förderung und Erschliessung wird teurer. Exner meint, eine Auswirkung dessen war die Nahrungsmittelkrise letztes Jahr, an der steigende Agrospritproduktion Anteil hatte. Dann gab es auch Wetterextreme, Dünger kostete das Doppelte, es wurde mit Nahrungsmitteln spekuliert – all das führte dazu, dass Essen für viele Menschen unerschwinglich wurde und sie sich in Hungerrevolten auflehnten. Es wird, warnt Exner, Nutzungskonflikte wegen der Verknappung von Nutzungsflächen geben.

Bauern und Bäuerinnen wissen am besten, wie man Landwirtschaft betreibt

Geoff Tansey befasst sich mit Landwirtschaft und biologischer Vielfalt (www.tansey.org.uk) und macht eindringlich klar, dass sich das herrschende System des Hungers nicht annimmt, auch weil alles als Problem der Zukunft verstanden wird und nicht der Gegenwart. Denn das Basismodell bei Nahrungsmitteln und Landwirtschaft ist die industrielle Produktion in Verbindung mit fossilen Brennstoffen. Das ist aber „kein natürliches Phänomen“, sondern es geht um Macht (wer?), Kontrolle (wie wird sie ausgeübt?), Risiken (wie werden sie gering gehalten?) und Gewinn (wie ist er möglichst groß?).

Im ganzen Nahrungsmittelsystem (man muss es so nennen) haben wenige die Kontrolle, als Produzenten, Hersteller, Händler und Verteiler, während die Masse der Bauern und Bäuerinnen und Arbeiter wenig Einfluss haben. Die Akteure handeln global, sei es beim Saatgut, sei es in der Gentechnik. Angeblich brauchen wir Produktionssteigerungen bei der Nahrung, doch im Unterschied zu anderen Konsumgütern, von denen man mehr kaufen kann, ist es unmöglich, fünfmal so viel zu essen. Die Industrie macht daher billige Produkte teurer, um Gewinne zu erzielen, und redet uns auch ein, dass etwa ein Abgehen von Flächenstilllegungen dazu dienen würde, Nahrung für die Armen herzustellen.

Wenn globale Player agieren, erklärt Tansey, wollen sie einheitliche Standards durchsetzen und schaffen Muster, nach denen etwas abzulaufen hat. Die Kämpfe sind in vielen Bereichen ähnlich, es geht ja auch um den Zugang zu Arzneimitteln oder um Musik im Internet. Die Landwirtschaft ist traditionell ein sehr offenes System, da man Saatgut untereinander tauscht und es auch immer mehrere Wege gibt, etwas zu tun, eben nichts Standardisiertes.

Die globale Ordnung wurde von den Europäern geschaffen, die im 19.Jahrhundert billige Nahrung für ihre Industriearbeiter benötigten. Sie ist also historisch geschaffen und kann daher natürlich auch geändert werden. Forschung im Bereich Landwirtschaft muss offen sein, da Bauern und Bäuerinnen sie nicht finanzieren können. Die Destabilisierung des Klimas hängt auch mit der industrialisierten Landwirtschaft zusammen, doch die Reaktionen darauf lassen keinen Willen zum Systemwandel erkennen. Denn Agrosprit, der so gerne propagiert wird, ist keine Lösung, da er viel Fläche in der Herstellung verbraucht und so zum Steigen der Nahrungsmittelpreise beiträgt. 

Auch die Finanzkrise hat einen Bezug zur Situation der Landwirtschaft, denn bis in die 80er Jahre konnte man nur dann mit etwas handeln, wenn man auch physisch präsent war. Wenn nun nach mehr vom Gleichen gerufen wird, also mehr Technologie, mehr industrielle Landwirtschaft, dann ist das die falsche Politik, sagt Tansey. Die Landwirtschaft hat tausende Jahre überlebt, sodass man den Bauern und Bäuerinnen nur die  Möglichkeit geben muss, für sich selbst und für andere zu sorgen.

Kleinbauern und -bäuerinnen wehren sich

Irmi Salzer ist Bäuerin und Sprecherin der Bergbauernvereinigung und von Via Campesina, der Vereinigung der Landlosen und der Kleinbauern und –bäuerinnen, die weltweit 200 Millionen Mitglieder hat. Sie mag das Wort Krise nicht, weil es suggeriert, es sei ein Zustand, der nicht von Dauer ist. Was wir erleben, und besonders, was 2008 im Bereich Nahrungsmittel passierte, ist aber nur die Spitze des Eisberges. Denn die Probleme, die wegen der Fernsehbilder von den Hungerrevolten wegen verteuerter Lebensmittel bewusst wurden, verschärfen sich schon seit Jahrzehnten.

Man möchte es kaum glauben, aber jene, die das vorherrschende System vertreten, wittern gerade jetzt Morgenluft, indem sie die Produktion noch ankurbeln wollen, „gegen den Hunger“. Es geht aber darum, bei uns mehr herzustellen, denn nur ein Bruchteil des globalen Lebensmittelkonsums wird auf Weltmärkten gehandelt, aber dieser geringe Teil ist für die Gestaltung der Preise im Inland verantwortlich. Als Lösungen werden, meint Salzer, nur „alte Hüte“ angeboten, eben Produktionssteigerung, Gentechnik und immer mehr Maschinen. Kleinbauern und –bäuerinnen haben aber seit vielen tausend Jahren die Welt ernährt, sie wissen, wie es geht.

Es braucht einen Systemwandel in Richtung kreislauforientierter, an lokaler Ökonomie orientierter Landwirtschaft, die Zugang zu Wasser, Saatgut und Märkten hat und für die nach den Bedürfnissen der Bauern und Bäuerinnen geforscht wird. Ein Großteil der Hungernden lebt nicht in Städten, sondern am Land, also dort, wo sich die Menschen erfolgreich selbst versorgen können, wenn man sie nur lässt. Es kommt auch darauf an, wie man Effizienz definiert, denn wenn es um ökologische Kriterien geht, sind die Kleinbauern und –bäuerinnen „effizienter“. Sie sind viel produktiver, sie sorgen für Biodiversität, für saubere Luft und Humusaufbau und stellen Biogas her.

Das Klima in der Krise

Mona Bricke (www.gegenstromberlin.net) beteilligt sich an der Vorbeitung von Aktionen zum UN.-Klimagipfel im Dezember in Kopenhagen im Rahmen der Plattform Climate Justice Action, die „Klimagerechtigkeit“ fordert. Das bedeutet, dass jeder Mensch, ob sie/er im Norden oder im Süden lebt, das Recht auf den gleichen Ressourcenverbrauch hat. Bricke sagt, dass sich im Bereich der vielen Initiativen die Geister scheiden, wie der „offizielle“ Gipfel zu beurteilen ist. Wie weit soll man dagegen protestieren? Wäre es nicht schlimmer, wenn kein Nachfolgeprotokoll zu Kyopto zustande kommt? Soll man auf ein gutes Ergebnis hoffen, sich als Verbündete der Verhandelnden betrachten?

Vieles, was im Bereich Klima diskutiert wird, dreht sich um Zahlen und Fakten, da wird dann darüber gestritten, wie stark sich die Erde in welchem Zeitraum erwärmt hat und was das bedeutet. Tatsächlich hat auch die Emission an Treibhausgasen zugenommen, wobei der Prozentsatz, um den sie wachsen, stetig größer wird. Bricke hält es für gefährlich zu sagen, es gäbe keine Alternativen zu Kyoto und dem Nachfolgeprotokoll. In Wahrheit muss ein kompletter Systemwechsel stattfinden, wir müssen zu einer „Schrumpfungsökonomie“ übergehen. Das ist natürlich richtig, aber es fragt sich, wie man es politisch Menschen vermitteln will, die ohnehin durch Verteilungsdebatten verunsichert sind. „Ihr werdet weniger haben, aber alle werden zum Wohl aller weniger haben“ zu sagen ist viel schwieriger als Umverteilung nach rein ökonomischen Kriterien zu fordern.

Mona Bricke sagt zu Recht, dass wir uns von „der Überproduktion für die Überkonsumption“ wegbewegen müssen. Sie weiss aber auch, dass die Debatten um das Klima längst von einem riesigen Apparat geführt werden, der sich im Rahmen des UN Framework for Climate Change (UNFCC) gebildet hat. Was aber kann man außerhalb des Apparates so bewirken, dass dieser auch beeinflusst wird? Nun, als  Berichterstatterin, die mit all diesen dichtgedrängten Infos konfrontiert wird, fiele mir schon etwas ein. Alle Initiativen könnten sich an ihre nationalen Regierungen wenden, die beim  Klimagipfel nicht darüber verhandeln sollten, selber möglichst wenig im Vergleich zu anderen zu tun. Sondern sie sollten all das voller Stolz und mit der Aufforderung zur Nachahmung präsentieren, was in den Ländern bereits passiert....

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