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Die mit zwei Medienpreisen ausgezeichnete österreichische Journalistin Alexandra Bader hat beim diesjährigen Elevate Festival die Diskussionsveranstaltungen verfolgt und für den Elevate Blog zusammengefasst bzw. kommentiert - die letzte ihrer scharfsinnigen Analysen könnt ihr hier nachlesen.
Das Elevate Team bedankt sich bei Alexandra Bader für die ausführlichen Beiträge!
Neue Regulierungen oder Systemwechsel?
Immer wieder stellen ReferentInnen und TeilnehmerInnen fest, dass auf die Krise in einer Weise reagiert wird, die genau die Zustände fortschreiben soll, die zur Krise führten. Aber wie kann man Maßnahmen beurteilen und Alternativen durchsetzen? Darüber diskutierten der Publizist Christian Felber (http://christian-felber.at), die Ökonomin Gabriele Michalitsch, der Politologe Joachim Hirsch (www.links-netz.de), der Ökologe Andreas Exner (www.social-innovation.org) und die Sozialwissenschafterin Kristina Bayer (www.fsoe.de) unter der Moderation von Leo Kühberger (Radio Helsinki, Graz).
Viel Aufmerksamkeit erregt die Idee eines „Green New Deal“, die US-Präsident Barack Obama propagiert. Andreas Exner meint zu den Zielen in diesem Deal (Vollbeschäftigung, Kapital wird für ökologischen Strukturwandel eingesetzt, Profitmöglichkeit) , dass man Klimaschutz damit kombinieren will, Profit zu machen, der Energiekrise vorzubeugen und Arbeitsplätze zu schaffen. Es geht also um Wachstum, das "anders" sein soll, und das ist mehr als problematisch angesichts einer Situation, in der mehr Wachstum nur das bestehende System fortschreibt und genau das fatal ist. Es ist, betont Exner, ja keineswegs ein Zufall, dass in der Namensgebung Anleihen genommen werden beim historischen New Deal Roosevelts. Auch dieser war ein Top Down-Programm nach der Weltwirtschaftskrise, das gegen "teilweise sehr militante und autonome GewerkschafterInnen" durchgesetzt wurde und diese auch in bestehende Strukturen einband, um ihnen die Radikalität zu nehmen.
Da drängen sich durchaus Parallelen dazu auf, wie mit dem Potential der Umweltschutz- und Klimabewegung umgegangen wird, das sich nicht darauf einlassen darf, ein bestehendes System zu stützen. Ein Resultat der Einbindung von Gewerkschaften ist, siehe Sozialpartnerschaft, dass sie keine Perspektive mehr sehen außerhalb tradierter Ordnungen. Sie könnten aber, betont Exner, der selbst Gewerkschafter ist, eine sehr wichtige Rolle spielen. Die "Ökologische Wende" wird gerne als Umstellung auf effiziente Nutzung von Ressourcen und auf erneuerbare Energien beschrieben. Entscheidend ist aber eine Orientierung an Suffizienz: Was wollen wir, was brauchen wir, was brauchen wir nicht? Denn wenn wir Effizienzsteigerung und Gewinn wollen, führt das zu neuen Problemen.
Effizienz bedeutet nicht, dass etwas auch effektiv ist, sagt Exner, und bringt als Beispiel die Frage des motorisierten Individualverkehrs: wollen wir mehr Autos, die effizienter sind? Außerdem ist auch die Möglichkeit zur Effizienzsteigerung begrenzt. Nach der Energiekrise in den 70er Jahren wurden darauf viele Anstrengungen verwendet, doch der damals realisierbare Effekt konnte sich nicht fortsetzen, er hat sich in den letzten 15 Jahren halbiert. Dann bleibt immer noch der Aspekt, was passieren wird, "wenn fossile Ressourcen wegbrechen". Erneuerbare Energien sind zwar etwas Gutes, sie bringen aber nicht die vom Kapitalismus erwarteten Effekte, denn ihr Aufkommen ist variabel, die Herstellung ist teuer, sie sind schlecht speicherbar und doch auch in der Nutzbarmachung auf nicht erneuerbare Ressourcen wie das Metall Lithium angewiesen.
Ist der Umstieg auf erneuerbare Energien möglich?
Hier würden jene Exner energisch widersprechen, die sich wie der deutsche Politiker Hermann Scheer für den völligen Umstieg auf erneuerbare Energien einsetzen. Für Scheer und viele andere bedingt die Entscheidung für andere Energieträger bereits einen Systemwandel, da wir auch einen anderen Alltag haben würden, wenn wir unsere Energie selbst erzeugen oder von einer kleinen, von uns vielleicht mitverwalteten Solar-, Wind- oder Biogasanlage beziehen. Es wäre das Ende der traditionellen Energiekonzerne mit ihrer engen Verflechtung mit der Politik, die man auch an der "Entsorgung" altgedienter Politiker in den Konzernen sieht. Für Exner ist es schon von der derzeitigen Verteilung der Energiegewinnung her illusorisch, auf erneuerbare Energien zu hoffen.
Denn wir nutzen zu 80% fossile Energie, zum Rest gehört neben Atomkraft vor allem Biomasse, während Wind- und Solarenergie nur einen verschwindend geringen Anteil haben. Wir werden auch nur einen Teil der Autos auf Elektromotoren umstellen können. Daher findet Exner auch den von anderen verwendeten Begriff der "Schrumpfungsökonomie" unpassend, da wir "große Teile der Produktion ersatzlos stilllegen müssen". Die dann fehlenden Arbeitsplätze im traditionellen Sinn bedeuten, dass mehr Zeit für besseres soziales Leben verfügbar ist. Exner spricht sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus, zu dem er auch publiziert hat.
Solidarische Ökomie ist anders Wirtschaften im Alltag
Strategisch geht es nicht darum, als Zivilgesellschaft gegen den Staat zu agieren, sondern veränderte Alltagspraxis zu leben. Freilich sind "Brückenköpfe im Staatsapparat" notwendig, wie etwa das brasilianische Staatssekretariat für Solidarische Ökonomie. Dazu nimmt dann auch Kristina Bayer Stellung, die Zeit in Brasilien verbrachte und betont, dass der Funke, welcher nun auf Europa überspringt, aus Lateinamerika kommt. In Brasilien gab es neben der Nischenökonomie, mit der sich Arme über Wasser halten, auch Betriebsübernahmen durch ArbeiterInnen im großen Stil. Genossenschaften waren immerhin auch bei uns die dritte Säule der Arbeiterbewegung, wurden aber nie so recht ernstgenommen.
Die Debatte ist bei uns auch deswegen nicht neu, weil es bereits vor Jahren etwa die Gründung der Öko-Bank in Deutschland gab. Die Probleme sind also seit langem bekannt, nur haben weder die Linke noch die Forschung vermocht, ein Leitbild zu schaffen, das sich dann auch in den Köpfen der Menschen verankerte, sodass Alternativen für breite Kreise denkbar sind. Tatsächlich geht es, wie auch Kristina Bayer betont, um anderes Alltagshandel, darum, andere Formen zu schaffen und zu leben, und das hier und jetzt.
Bayer betreut Gruppen und Einzelpersonen auf dem Weg in die Solidarische Ökonomie in der Region Nordhessen, die wie andere strukturschwache Gebiete von Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Abfluss von Kapital, Ausverkauf von Grund und Boden, vom Verlust des Naturbezuges und von mangelnden Perspektiven gekennzeichnet ist. Anders Wirtschaften bedeutet hier, ein anderes Modell zu schaffen, intakte Natur zu erhalten, Geld durch Genossenschaften (in welcher konkreten Rechtsform auch immer, wichtig ist das Gemeinschaftliche) in der Region zu bündeln, wieder mehr auf soziale Beziehungen zu achten, die auch auf dem Land verloren gehen, wo sie früher so wichtig waren.
Es geht um Formen der Kooperation, von denen wir träumen oder wo wir meinen, sie neu erfinden zu müssen, dabei sind sie (noch) vorhanden. „Es hat etwas Traditionelles, die eigenen Wurzeln zu verstärken“, meint Bayer, und das ist für viele Linke sicher erstmal ungewohnt. „Manche sehen das als rückwärtsgewandt an, es ist aber ein wichtiger Perspektivenwechsel, der viel bewegt.“ Denn es ist etwas anderes, bei dem anzuknüpfen, was Menschen bereits tun oder getan haben, als ihnen (wissenschaftlich untermauert, aus der Stadt kommend) etwas Neues nahezubringen.
Konkret bedeutet solidarisch Wirtschaften beispielsweise, den in Nordhessen angebauten Flachs in einer Produktionskette zu den KäuferInnen zu bringen. Anbau, Ernte, Verarbeitung, Handel mit den Textilien und Verkauf kommen so der Region zugute. Oft werden sehr wertvolle landwirtschaftliche Produkte vernichtet, weil man sie nicht schätzt, da sie nicht zu konkurrenzfähigen Preisen angeboten werden können, während sie durch solidarisches Wirtschaften dennoch den Weg zu bewussten KäuferInnen finden.
Ein positives Beispiel aus Nordhessen ist die Initiative zweier Landwirte, Bioernährung für öffentliche Einrichtungen anzubieten. Sie mussten dafür durchaus hartnäckig kämpfen, doch nun gibt es Bio-Catering für Schulen, Kindergärten, Institutionen. Jedes Essen kostet um 50 Cent mehr als beim Billiganbieter, der es über hunderte Kilometer anliefert und keine hochwertigen Lebensmittel verwendet. Über das Projekt gibt es mittlerweile auch Bildungsarbeit für Kinder, um SchülerInnen durch Besuche und Praktika auf Bauernhöfen alltäglichen Naturbezug zu vermitteln.
Müssen wir Kooperation erst wieder lernen?
Landkommunen, die einst als beliebte Alternative zum herrschenden Leben galten, sind nicht unbedingt die Trägerinnen der Veränderung, meint Bayer. Denn freies, selbstverwaltetes Arbeiten ist eher ein städtisches Konzept, wie ja auch viele Initiativen zur Solidarischen Ökonomie im urbanen Bereich zeigen. Das Konzept der Kommune ist für eine breite Bevölkerung nicht attraktiv, sondern wird als zu schwierig und zu elitär empfunden, der Gegensatz zum gewohnten Alltagsleben ist zu groß.
Solidarisch Wirtschaften im ländlichen Raum hat oft herkömmliche Formen wie Aktiengesellschaft oder GesmbH, doch es kommt natürlich immer darauf an, was Menschen aus ihren Projekten machen. Im Bereich Alternativer Energien gibt es beispielsweise verschiedene Rechtsformen, aber AnbieterInnen, die sich dann zu einem Netzwerk zusammenschließen. Für uns alle ist es schwierig, permanent mit anderen zu kooperieren, meint Bayer, denn wir haben in unserer Sozialisation davon nicht mehr viel mitbekommen. Wir müssen das erst wieder lernen, was nicht ohne Widersprüche abgeht. Gegen die Tendenz, dass manche Menschen in Projekten autoritär agieren wollen, hilft am besten, wenn etwas von der Anzahl der AkteurInnen her überschaubar bleibt und die Abläufe transparent sind.
Veränderung ist nicht im Konjunktiv möglich
Joachim Hirsch meint, es habe keinen Sinn, dauernd „man müsste“ zu sagen, denn es geht darum, unmittelbar im eigenen Leben zu beginnen, anders zu handeln, also dort, wo jeder Mensch auch Einfluss nehmen kann auf die Rahmenbedingungen. Zur (noch) fehlenden Klammer, dem Identifikationserlebnis oder dem Begriff, in dem sich Menschen wieder finden (wie es bei ArbeiterInnen- oder Frauenbewegung der Fall war/ist) meint Hirsch, dass Ereignisse notwendig sind. Sie schaffen eine Bindung und bringen weitere Menschen dazu, sich zu engagieren.
Er verweist auf die Proteste in Genua (zum Gipfel der G 8) und Seattle (WTO-Gipfel), die weltweit medial wahrgenommen wurden. „Es muss etwas auf der Straße stattfinden“, sagt Hirsch bezogen auf den Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember 2009. Da wird ja auch, siehe einer der früheren Blogeinträge, heftig diskutiert, wie massiv der Widerstand sein soll, ob es überhaupt sinnvoll ist, „gegen“ etwas aufzutreten, das zwar reichlich verwässert sein wird (Nachfolgeprotokoll zum Kyoto-Protokoll), aber besser als nichts.
Hirsch wendet sich nicht dagegen, dass Menschen das bestehende System analysieren, denn „der Kapitalismus braucht Alternativen, und es muss Leute geben, die sie formulieren“. Das darf aber nicht dazu führen, dass Zirkel von „abgehobenen BeraterInnen“ diskutieren und das Handeln in der Alltagspraxis anderen überlassen. Eine andere Gesellschaft braucht andere Organisationsformen, mit anderen Worten: „wir brauchen so etwas wie eine Kulturrevolution“. Es macht dabei keinen Sinn, Menschen nur „dort abzuholen, wo sie sind“, denn es braucht immer Provokation, dadurch werden die Leute angesprochen. „Veränderung geht immer von Minderheiten aus.“
Alternativen sichtbar machen
Christian Felber gehörte zu den GründerInnen von Attac in Österreich und stimmt zu, dass Provokationen wichtig sind. Massenproteste sind ebenso ein Signal wie „Irritiationen im öffentlichem Raum“. Auf diese setzt auch Attac, etwa mit einem riesigen Transparent „Mensch vor Profit“ auf dem Berghang gegenüber vom Forum Alpbach diesen Sommer, als „das Establishment sich selbst hinsichtlich der Auswege aus der Krise belog“, aber Kritiker wie Attac nicht eingeladen waren.
Analysen und Aktionismus sind notwendig, sie ergänzen sich ja auch. Dabei ist auch wichtig, dass sich Organisationen für andere öffnen, was unter anderem bei Attac sehr stark diskutiert wird, wo nun Bauern und Bäuerinnen und alternative Unternehmen eingebunden werden. So war es auch möglich, dass 270 Organisationen bei der Demonstration „Wir zahlen nicht für eure Krise!“ im März dieses Jahres in Wien dabei waren. Außerdem ist diese Offenheit auch der Grundsatz, auf dem die Weltsozialforen basieren.
„So entstehen alternative Lebenspraktiken“, meint Felber, und tatsächlich ist zu beobachten, dass einerseits NGOs stärker auch „themenübergreifend“ kooperieren (weil im Grunde alles zusammenhängt), andererseits sehr vieles in Selbsthilfe und Selbstorganisation entsteht, das sowohl zu anderen Lebensentwürfen als auch zu solidarischem Wirtschaften gehört. Felber wünscht sich dennoch, dass es einen „Identifikationsanker über gesellschaftliche Grenzen hinweg“ gibt, in dem sich alle wieder finden, die anders leben wollen. Bei aller Intensivierung der Kooperation verstehen sich viele aktive Menschen noch nicht als gemeinsam mit anderen für ein gemeinsames Ziel agierend. Oder, wie Felber im Workshop mit Joachim Hirsch (siehe Blogeintrag) sagte: „Wie kann das ‚unten’ mehr voneinander wissen?“.
Zum Sichtbar machen gehört auch, dass „die alternative Bank“, „das alternative Unternehmen“ vorgestellt werden, denn jedes Mal, wenn das passiert, muss das Establishment erklären, warum es weiterhin „das Übliche“ will. Zum „Green New Deal“ merkt Felber an, dass der ursprüngliche New Deal zur sozialen Marktwirtschaft führte, während es nun um eine ökosoziale Marktwirtschaft geht. „Aber auch ökosozialer Kapitalismus bleibt Kapitalismus“ und ist am Gewinnstreben orientiert. Den Unterschied zu dem, was wir wollen, macht Felber an einem Beispiel deutlich.
Die „Demokratische Bahn“ möchte allen Menschen bequeme Mobilität bieten, am besten ohne Tarife einzuheben. Wenn sie ihr Ziel erreicht hat, wird sie nicht mehr weiter wachsen. Die „ökosoziale Autoproduktion“ erreicht ihr Ziel nie, sondern wird immer versuchen, noch mehr Autos zu verkaufen. Es wird aber früher oder später Versorgungszusammenbrüche geben, denn wir haben eine Schere aus rückläufiger Erdölproduktion und steigendem Verbrauch. Daher wird der Markt die Autoproduktion stilllegen und man muss den Beschäftigten Alternativen anbieten – eben die „Demokratische Bahn“, die man auch ohne Zwang verwirklichen kann.
Es geht um unser Leben, nicht um Weltverbesserung
Andreas Exner meint, dass wir bei aller Wichtigkeit der Analyse nie vergessen dürfen, dass es um uns und unsere „Bedürfnisse und Leidenschaften“ geht. Es macht keinen Sinn, „immer allein die Welt retten zu wollen“, denn mit diesem Anspruch kann man irgendwann keine Alternativen mehr denken, weil man völlig ausgelaugt ist. Klar, denn dieses Ziel scheint ja unerreichbar, und wer sich nicht (allerdings wiederum aus persönlichen Motiven) mit seinem / ihrem Namen profilieren will, tut besser daran, einfach anders zu leben, wo das bereits möglich ist.
Angesichts der Dichte an Informationen, der Fülle an Diskussions- und Workshopbeiträgen kann wohl nicht genug betont werden, dass, wie Exner es ausdrückt „am Anfang die eigene Leidenschaft“ steht. Da alle Bewegungen im herrschenden System entstehen, ist die Tendenz immer groß, nach anfänglichem Enthusiamus für anderes und anders sein wollen auch Herkömmliches einreißen zu lassen. Man will „denen da oben“ etwas „entgegensetzen“ und sieht sie nicht als Menschen, die vielleicht dankbar wären für Alternativen, die deswegen auf gewohnte Weise handeln, weil sie meinen, es gäbe keine anderen Möglichkeiten. Sie sind wohl am leichtesten zu überzeugen, wenn Menschen, die etwas ändern wollen, einfach anders handeln, statt es zuerst von „denen da oben“ zu fordern. Außerdem reisst auch bei jenen, die alles verändern wollen, leicht ein, dass sich manche selbst einen Namen machen wollen, oder auch, dass jenen, die ihre Ideen formulieren und propagieren, unterstellt wird, es gehe ihnen nur um sich selbst.
Der Großteil der Ökonomie ist außerhalb des Marktes
Gabriele Michalitsch, die sich auch mit Gender Budgeting und feministischer Ökonomie befasst, weist darauf hin, dass es verkürzt ist, nur marktökonomisch zu diskutieren. In Wahrheit ist aber der nicht gewinnorientierte Bereich ein erheblicher Faktor, denn er umfasst den Öffentlichen Sektor, die Non Profit-Organisationen, den Haushalt und die nicht bezahlte, meist von Frauen geleistetet Arbeit im Allgemeinen. „Das geht weit über die Solidarische Ökonomie hinaus“, betont Michalitsch.
Es muss auch darüber geredet werden, was gesellschaftliche Anerkennung findet, welche Arbeit „wert“geschätzt wird. „Wir brauchen ein erweitertes Verständnis von Ökonomie.“ Dabei müssen wir uns jenseits kapitalistischen Denkens bewegen, denn es ist eine Frage der gesellschaftlichen Veränderung, die auf allen Ebenen ansetzen soll. Michalitsch stimmt der Analyse zu, dass die sozialkritische Bewegung ihre Ansichten noch nicht so weit in den Mainstream einbringen konnte, dass sie Identifikationsfaktoren aufweist und wie die Kritik der 68er vom Establishment aufgenommen worden wäre.
Der „Gender-Faktor“, auf den Michalitsch zu Recht hinweist, kann insofern wohl nicht ernst genug genommen werden, als dass ja auch die Art und Weise, wie analysiert wird und wie Erkenntnisse vermittelt werden, patriarchale Wertigkeiten widerspiegeln können. Zumindest folgt man leicht selber herkömmlichen Vorstellungen, indem vor allem an den Verstand, weniger aber an das Gefühl appelliert wird, mit Fakten und Zahlen um sich geworfen wird, während bereits gelebte Alternativen weniger vorkommen. Diese Herangehensweise folgt natürlich insofern dem herrschenden Diskurs, als dass versucht wird, durch Befolgung der Kriterien zu überzeugen, die auch „die oberen“ anwenden.
Kristina Bayer hakt bei Michalitsch ein und verweist auf Gemeinschaften, in denen die einen Lohnarbeit nachgehen, andere sich aber um Kinder, Haushalt und anderes kümmern und jeder Beitrag aus gleichberechtigt und gleichwertig betrachtet wird. Immerhin ist zwei Drittel der weltweit geleisteten Arbeit im Reproduktionsbereich angesiedelt, sie wird meist unbezahlt von Frauen verrichtet. Außerdem gehen wir bei unseren Analysen von der herrschenden Ökonomie aus, die Familien ja gar keinen Raum gibt.
Menschen wollen aber mit anderen zusammensein, feiern, gutes Essen zu sich nehmen. Wir sollten einfach fragen, was wollen wir wirklich in unserem Leben, was möchten wir tatsächlich konsumieren, was brauchen wir. Bei einer anderen Alltagspraxis wird die persönliche Lebensqualität im Vordergrund stehen. „Es geht nicht um ein Leben voller Verzicht, sondern um ein besseres Leben, ein erfüllteres Leben.“ Dazu gehört auch Bezug zur Natur, denn auch dies ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis.
Den Alltag verändern ist ein besserer Weg, als wieder nur auf neue Regelungen und Ordnungen zu setzen, denn alles Neue muss von unten kömmen und auch gelebt werden. Es geht dabei auch um die Sicherung öffentlicher Güter, denn die Bedarfsicherung beispielsweise bei Wasser oder Energie muss in unseren Händen sein, und darf nicht bei privaten Konzernen liegen. Generell ist die Frage der Daseinsvorsorge auch die Leitlinie für solidarisches Wirtschaften. Auch Kristina Bayer meint aber, dass der entstehenden Bewegung „das gemeinsame Ereignis“ fehlt, das etwa die StudentInnen- oder die ArbeiterInnenbewegung durchaus hatte.
Conclusio: Wie kommen wir zur Welt, in der wir leben wollen?
Beim Reflektieren der Fülle an Eindrücken, Informationen, Analysen und Ansichten wird klar, dass es sich (vielleicht erstmals) um eine Bewegung handelt, die von sehr unterschiedlichen Zugängen zu gemeinsamen Anliegen kommt. Daher wird es möglicherweise das alle verbindende Ereignis oder die einprägsame Forderung gar nicht geben können. Es ist durchaus ein Faktor der Stärke, wenn dezentrale Bewegungen, die von Menschen getragen werden, die mit Veränderungen in ihrem Alltag begonnen haben, gar nicht als die Bewegung agieren.
Wichtiger ist wohl, dass man voneinander weiss und sich solidarisiert und die Zusammenhänge erkennt. Dieser Aspekt wurde auch immer wieder betont, etwa wenn Kampf gegen verschärftes Fremdenrecht als Unterstützung für die Anliegen der Kleinbauern und –bäuerinnen und Landlosen verstanden wird, auch die Klimabewegung hier solidarisch ist und fordert, dass veränderte klimatische Bedingungen ebenfalls zu den anerkannten Asylgründen gezählt werden. Längst treten ja Umweltschutz- und Sozialinitiativen gemeinsam auf, indem sie verlangen, dass auch Menschen mit geringeren finanziellen Ressourcen Zugang zu Energiesparen, Wärmedämmung und guter Nahrung haben.
Das Beispiel des solidarischen Wirtschaftens auf dem Land, wo es eigentlich „nur“ darum geht, an Traditionen anzuknüpfen und sie mit Neuem zu verbinden, zeigt auf, wie man Alternativen so vermitteln kann, dass Menschen sie für lebbar halten. Es ist etwas fundamental anderes, mit urban-akademischen Konzepten zu kommen als zu sagen „ihr wisst bereits, wie es geht, denn ihr macht es in manchen Bereichen, ihr könnt es in noch mehr Bereichen tun“. So, wie „der Norden“ in der Frage des Umdenkens vieles von „dem Süden“ lernen kann, verhält es sich auch mit Stadt und Land.
Und die Liste ließe sich fortsetzen: „Einheimische“ lernen von Zuwanderern, die ihre eigene Ökonomie geschaffen haben, weil sie in vielen Bereichen beruflich diskriminiert werden. Männer lernen von Frauen, wie man im Alltag und dabei insbesondere in dem Bereich, der Arbeit genannt wird, mehr Wert auf soziale Beziehungen legen kann. „Mächtige“ lernen von „weniger Mächtigen“, wie man Dinge auch tun kann, wie man Beziehungen untereinander organisieren kann, ohne Druck auszuüben und in Hierarchien zu denken.
Dabei darf nie vergessen werden, dass diejenigen, die es noch nicht anders machen (oder anders machen wollen), keine Feinde oder Gegner sind (denn das ist altes Denken), sondern potentiell bereits Überzeugte. Umso mehr Menschen Beispiel geben, indem sie anders handeln und leben, desto stärker wird die alte „Macht“ erodieren. „Mächtige“ sind meistens Menschen, die in Funktionen gelangt sind, wo sie sich, um nichts falsch zu machen, an dem orientieren, was andere vor ihnen getan haben oder zugleich mit ihnen tun (also was „üblich“ ist).
Vieles, das zivilgesellschaftlich und von jenen, die Alternativen suchen und leben, gedacht und getan wird, ist so grundlegend anders als das, was für Menschen mit „Macht“ unabdingbar scheint, dass es für sie ein Sprung in zu kaltes Wasser wäre, anders zu agieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie dabei glücklich sind oder voll Befriedigung Macht ausüben („endlich kann ich andere unterdrücken, ihnen was anschaffen?“) – ihnen geht es mit dem Leben, das sie sich wünschen, wohl so ähnlich wie uns, die wir „unten“ sind: es ist im Konjunktiv vorhanden. Sie meinen, wenn sie erst dieses und jenes getan oder sich hier und dort abgesichert haben, könnten sie ein erfülltes, besseres Leben führen. Und wir? Wir meinen, „oben“ müsste diese oder jene Maßnahme getroffen, dies und das eingeführt werden.
Impulse für das „Ändern jetzt!“ gibt die Fülle an Beiträgen bei Elevate, doch Handeln müssen wir selbst. Dabei ist aber sicher sehr ermutigend, dass wir, auch wenn wir uns meistens gar nicht kennen, viele sind. Sicher werden den LeserInnen dieses Blogs auch noch viele Beispiele einfallen, die nicht vorgekommen sind. So ist es mir als „Chronistin“gegangen, und ich habe es auch persönlich ermutigend gefunden, was alles bereits zugleich passiert und wie ähnlich letztlich die Analysen sind, die von ganz unterschiedlichen Zugängen her angestellt werden.
Alexandra Bader
Wie ändern wir eine kapitalistische Gesellschaft?
Der deutsche Politikwissenschafter Joachim Hirsch (www.links-netz.de) verbindet eine „klassische“ Analyse des Kapitalismus mit der klaren Erkenntnis, dass Systemveränderungen nicht auf traditionelle Weise herbeigeführt werden können. Die TeilnehmerInnen am Workshop „Die Krise des Kapitalismus und die Krise der liberalen Demokratie“ fühlten sich darin bestärkt, neue Wege zu suchen und in ihrem eigenen Umfeld gemeinsam mit anderen zu wirken.
Es geht eben nicht darum (bewusst) „Druck von unten“ zu erzeugen, sondern sich „unten“ anders zu organisieren. Verändertes Verhalten, allmählich geänderte Denkweisen, das Engagement in Projekten und Initiativen, der Einsatz von Menschen für das, was ihnen wichtig ist, sind der richtige Weg. Hirsch betont, dass radikale Veränderung nicht daran anschliesst, über diese und deren Notwendigkeit zu diskutieren, sondern am Verhalten selber. Das mag eigentlich recht logisch und einfach erscheinen, doch landen Gruppen sehr schnell dabei zu diskutieren, was anders sein müsste, statt mit dem Tun zu beginnen.
Gerne wird von anderen (gesellschaftlich Stärkeren) verlangt, sich anders zu verhalten, womit Initiativen dann selbst auf der Machtschiene sind und in den herrschenden Kategorien und Mustern agieren. Hirsch weist die TeilnehmerInnen darauf hin, dass sie sich ja auf historische Vorbilder beziehen können wie die Arbeiterbewegung oder die Frauenbewegung. Beide waren anfangs nicht mehrheitsfähig, sondern hatten die Gesellschaft mehrheitlich gegen sich. Sie wurden von Menschen getragen, die ihre Lebensverhältnisse thematisiert haben.
Nicht Macht aneignen, sondern es anders machen
„Macht übernehmen ist nur die Perpetuierung der Machtverhältnisse“, warnt Hirsch, man kann Macht nicht mit Macht bekämpfen, sondern sollte selbst für andere gesellschaftliche Strukturen sorgen, was im Kleinen beginnt. „Es gibt keinen ökonomischen Ausweg aus der ökonomischen Krise“, sagt er, sondern nur (anders wahrgenommene) politische Verantwortung. Freilich wird derzeit alles, was zur Krise geführt hat, einfach weitergeführt.
Mit den Unsummen, die zur Unterstützung der Banken verwendet werden, könnte man ein bedingungsloses Grundeinkommen für jede/n finanzieren. Dazu sollte aber auch eine Vergesellschaftung wichtiger Dienstleistungen kommen, also die Schaffung von mehr öffentlichen Gütern. Das könnte zum Beispiel dazu führen, dass die BewohnerInnen eines Stadtteils selbst entscheiden, welche Gesundheitsversorgung sie brauchen. Kollektive Entscheidungen sollten „soweit nötig“ getroffen werden, und Abstimmungen, bei denen das Mehrheitsvotum gilt, nach ausführlicher Diskussion unter Berücksichtigung von Alternativen.
Uns muss klar sein, betont Hirsch, dass ein Sozialstaat, der auf ökonomischem Wachstum basiert, ökologisch nicht tragbar ist. Das ist sicher ein Konfliktpunkt mit den Gewerkschaften, die ja auch auf die „starke Differenzierung unter den Lohnabhängigen durch Flexibilisierung und Prekarisierung“ nicht ausreichend reagieren. In Sachen Grundeinkommen gibt es in Deutschland ähnlich wie in Österreich teilweise Widerstand, teilweise Aufgeschlossenheit bei GewerkschafterInnen. Sehr ablehnend sind die Metaller, sagt Hirsch, während Dienstleistungsgewerkschaften ja selbst sehen, wie traditionelle Arbeitsverhältnisse aufgeweicht werden.
Alternativen kommen von den Menschen und nicht „von oben“
Hirsch weist auch auf eine sehr schwierige Aufgabe für alle hin, die mit Menschen über gesellschaftliche Veränderungen und Solidarität diskutieren wollen. Es geht nicht nur darum beispielweise den ArbeiterInnen klarzumachen, dass ihnen MigrantInnen nichts wegnehmen (und dass Menschen ohne Job einen Anspruch auf Absicherung haben), sondern auch um Veränderungen im Konsumverhalten. Also darum, klarzustellen, dass wir in Zukunft nicht mehr so viel konsumieren können, weil es einen Ausgleich mit Menschen in ärmeren Ländern geben muss und wir auch an das Klima denken müssen. Manchmal geht es auch darum, etwas anders zu machen, ohne zu verzichten, beispielsweise, wenn wir unsere Mobilität in der Wahl der Mittel anders gestalten.
Alternativen etablieren sich keineswegs über neue Regulierungsformen, sondern darüber, dass wir unseren Umgang mit der Natur ändern, die Trennung / Definition von öffentlich und privat aufheben, die Formen politischer Repräsentation und Beteiligung verändern und die Gesellschaft menschlicher gestalten. Hierbei sind alle Initiativen richtig und wichtig, die eine Gesellschaft lebenswerter und demokratischer machen, und sie sollten auch voneinander lernen und andere inspirieren. Es geht schlicht darum „radikal über den eigenen Tellerrand zu blicken“.
Warum die deutsche Sozialdemokratie am Ende ist
Ein Bereich, wo das derzeit ganz sicher nicht passiert, ist die Sozialdemokratie in Deutschland. Hier spricht Hirsch nicht von einer Krise, sondern stellt nüchtern fest: „die SPD ist am Ende“. Sie hat neoliberale Politik gemacht und dafür die Quittung der WählerInnen erhalten. Hätte die Führungsebene zugegeben, dass sie Fehler gemacht hat, beispielsweise mit Hartz IV, hätten das die Leute durchaus honoriert. Nun aber ist es die CDU, die Hartz IV ändern will, während die SPD lange beteuert hat, dass die Regelung nicht angetastet werden darf.
Es wird, meint Hirsch, keine anderen Menschen in der Führung der SPD geben, selbst wenn Köpfe ausgetauscht würden. Inzwischen „sozialdemokratisiert“ sich die CDU, weil sie so natürlich auch ein Reservoir an WählerInnen erreicht, und die SozialdemokratInnen leiden auch unter dem geringen politischen Spielraum zwischen EU, Wallstreet und dem Finanzplatz London. Die SPD scheitert auch am traditionellen Widerspruch der Linken, den Staat zum einen als Ausdruck bestehender Herrschaftsverhältnisse zu sehen, andererseits aber etwas mit dem Staat und in seinen Strukturen anfangen zu wollen.
Es ist nicht ganz egal, wer KanzlerIn ist, aber „politisch-strategisch sollte man (sich) sagen, es ist wurscht, wer es ist“, rät Hirsch. Die Reorientierung auf Parlamente und Institutionen kam ja mit den Grünen und deren Erfolgen in den 80er Jahren auf, während zuvor klar war, dass (linke) Politik woanders stattfindet, „weniger spektakulär, viel kleinräumiger, in vielen Ansätzen, in denen versucht wird, gesellschaftliche Strukturen anders zu leben“. Freilich mit politischen Auswirkungen, denn die institutionalisierte Politik („Wahlmaschinen“ nennt Hirsch die Parteien) muss reagieren, wenn Menschen über Verhältnisse reflektieren. „Wenn sich das Leben und die Menschen verändern, hat das politische Konsequenzen“, betont Hirsch – was für all die, die sich „kleinräumig“ engagieren und manchmal denken, sie würden dabei wenig bewegen, doch sehr ermutigend ist....
Der Weg zur Solidarischen Ökonomie
Kann man im Kapitalismus leben und aus dem kapitalistischen System aussteigen? Was zunächst wie ein Widerspruch aussieht, wird von immer mehr Menschen versucht, und noch mehr würden es gerne probieren, wissen aber nicht, wie es gehen könnte. Anregungen dazu gab der Workshop „Solidarische Ökonomie – Zukunftsweisend wirtschaften“ mit Andreas Exner (Social Innovation Network www.social-innovation.org) und Kristina Bayer (Verein zur Förderung der Solidarischen Ökonomie, www.vfsoe.de). Im Juli 2009 gab es in Graz einen zweitägigen Kongress über Solidarische Ökonomie (www.solidarische-oekonomie.at).
In einer Solidarischen Ökonomie sind Gemeingüter das wichtigste Produkt, sodass sie auch umso besser funktioniert, je mehr dieser Güter sie herstellen und damit zur Verfügung stellen kann. Andreas Exner meint, wenn verschiedene Produktionsgemeinschaften in der Solidarischen Ökonomie untereinander kooperieren, ist es auch möglich, viele Güter selbst anzubieten. Es geht dabei außerdem um das Hinterfragen der traditionellen Aufteilung zwischen Haushalt(sphäre), Arbeit /Nichtarbeit.
Wenn Eltern ihre Kinder mit an den Arbeitsplatz nehmen, kratzt das an der kapitalistischen Logik, die Trennung der Lebensbereiche wird aufgehoben. Menschen haben in der Solidarischen Ökonomie auch die Freiheit zu gehen, wenn sie eine Tätigkeit nicht mehr verrichten wollen. Es muss dennoch eine übergreifende Sicherung für sie geben. Funktionieren kann Solidarische Ökonomie auf regionaler Basis, beispielsweise über Genossenschaftsinitiativen. Sie soll Ressourcenpools schaffen für Güter und Dienstleistungen, die nicht auf kapitalistischem Wege angeboten werden. Würde unsere Gesellschaft auf Solidarischer Ökonomie basieren, dann könnte beispielsweise ohne weiteres die Entscheidung getroffen werden, keine Autos mehr herzustellen. Damit wäre dann keine Krise verbunden, sondern es wäre gesellschaftlich gesehen ein Gewinn.
Solidarisches Wirtschaften in ländlichen Regionen
Kristina Bayer berät Personen und Gruppen, die in Nordhessen solidarisch Wirtschaften wollen, und war früher in selbstverwalteten Initiativen in Berlin aktiv wie dem Umsonstladen oder dem Interkulturellen Garten Friedrichshain/Kreuzberg (beides hat viel Bezug zur Vorstellung eines anderen Umgangs mit Gütern und Ressourcen). Es geht ihr um das, „was möglich ist, was jetzt schon möglich ist“. Die Linke hat doch jahrzehntelang analysiert und genau gewusst, wo die Probleme liegen, aber keine Alternativen zum Bestehenden gehabt.
Wir sind, meint sie durchaus realistisch, sehr weit davon entfernt zu sagen, Autos gehören nicht mehr produziert, denn die Mehrheit will weiterhin Autos kaufen. In der Solidarischen Ökonomie geht es darum, „dass ich Stopp sagen und versuchen kann, es mit meinen Möglichkeiten anders zu machen, anders zu leben“. Das geht natürlich mit Kompromissen einher, die man eingehen muss, wenn man etwas gemeinsam realisieren will, und auch mit Widersprüchen.
Was wir Solidarische Ökonomie nennen, ist in Argentinien oder Brasilien, wo Bayer sich selbst kundig machen konnte, eine aus der Notwendigkeit heraus entstandene Nischenökonomie. Sowohl unser Zugang wie auch der Lateinamerikanische bieten aber „Perspektiven für wirkliche Alternativen“. Bayer kümmert sich um Nordhessen, eine Region mit abnehmenden Bevölkerungszahlen, wo LandwirtInnen oft ihre Höfe verkaufen, weil es keine NachfolgerInnen gibt. Meistens landen die Betriebe dann in den Händen der Energiekonzerne, die scharf sind auf die Anbauflächen (für den problematischen Agrosprit).
Das traditionelle Dorfleben hat viele Elemente einer Solidarischen Ökonomie, betont Bayer. Denn es gibt direkte Beziehungen, die sich in Nachbarschaftshilfe oder gemeinsamer Erntearbeit ausdrücken. Teilweise existieren noch Gemeinschaftsweiden für Vieh, vielfach werden die eigenen Produkte gemeinsam in Dorfläden verkauft. Wenn nun auch Kapital zusammengelegt wird, Genossenschaften gebildet und der Ausverkauf der Region verhindert wird, kann sich die Solidarwirtschaft ausweiten. Freilich geht das alles nicht ohne Geld und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit, denn das wäre utopisch.
Bayer kennt auch Beispiele, wo spontan etwas entstanden ist, wie im Fall einer verschuldeten Kommune, die sich ganz offen an die BürgerInnen wandten. Ihnen wurden 5% statt 3% Rendite (wie bei Banken) angeboten, und gerade viele ältere Menschen kamen und gaben der Gemeinde Beträge von 20.000 oder 30.000 Euro. Initiativen in ländlichen Regionen sind oft genossenschaftlich organisiert, obwohl LandwirtInnen bei dem Wort meistens mit Schaudern an Raiffeisen denken (und was daraus geworden ist). Es geht dabei nicht um Profit, Kapital soll nicht akkumuliert werden, es fließt in Projekte, es wird nicht spekuliert.
Auch die Fair Trade-Bewegung mit Weltläden und weiteren Geschäften (da auch Fair Trade-Mode boomt) will sich nun genossenschaftlich organisieren. Zur Solidarwirtschaft zählt man auch Regionalwährungen, alternative Energie und Dorfläden (auch diese sind vernetzt). Gerade bei erneuerbaren Energien werden auch Wachstumspotenziale gesehen, und hier muss man das Wort Wachstum auch positiv verwenden, denn es geht damit eine Reduktion bei nicht erneuerbaren Energien einher.
Ein völliger Umstieg auf umwelt- und klimafreundliche Energieerzeugung und –verwendung würde jedoch einen Systemwandel bedeuten, der von der Entscheidung für den Energieträger bestimmt wird, da diese Energien anders gewonnen und verteilt werden. Dabei kommen letztlich auch Grundsätze der Solidarwirtschaft zum Tragen, da viele kleine und wenige große Anlagen die benötigte Energie zur Verfügung stellen, also dezentral und in Selbstverwaltung der NutzerInnen gewirtschaftet wird.
Das hätte natürlich auch Auswirkungen auf unsere Art zu Leben im Allgemeinen und würde zu Veränderungen im gewünschten Sinn einer lebenswerteren Gesellschaft führen. Derzeit gibt es im Bereich Energie ganz unterschiedliche Organisationsformen, was Bayer anhand einer Vernetzung zeigt, zu der eine Biogasanlage, eine Biogastankstelle, ein Nahwärmenetz, Bürgersolaranlagen, ein Umrüstbetrieb, die Verwendung von Pflanzenöl und Pellets gehören und in die auch eine Universität eingebunden ist.
Ländliche Besonderheiten achten
Früher waren Landkommunen eine Alternativvorstellung vieler StädterInnen, heute kommen sie bei den neuen Projekten kaum vor. Das bedeutet aber, dass man auf anderes Denken trift, das aus einer anderen Tradition resultiert. LandwirtInnen tun sich schwer mit der Vorstellung, alles gemeinschaftlich zu regeln, denn Kooperation wird als „schlechter“ empfunden im Vergleich dazu, etwas individuell zu schaffen. Es geht auch darum „Herr am eigenen Hof / im eigenen Haus“ zu bleiben
Diese Einstellung hat aber ein Pendant in der Haltung von ArbeiterInnen, dass Genossenschaften nichts so besonders Wünschenswertes sind. Denn sie wollten, wie Andreas Exner betont, den Kapitalismus ja nicht überwinden, sondern in ihm gut abgesichert sein. Auf dem Land gibt es durchaus auch Initiativen der Politik, die umweltfreundliche Energiegewinnung und –Versorgung, Sicherung der Nahversorgung und Ausbau von Kinderbetreuung in Projekten miteinander verbinden, damit es für Familien attraktiver ist, nicht wegzuziehen.
Bei allem Enthusiasmus für regionale Wirtschaft darf man aber, warnt Bayer, auch nicht zulassen, dass sich da mehr als konservative Tendenzen einschleichen, so in Richtung Abschottung gegenüber anderen, was bis zu Blut und Boden gehen kann. Eine wichtige Frage ist daher der Umgang mit MigrantInnen, die im ländlichen Raum nicht so eine Rolle spielen, aber in den Städten (und nicht nur dort) vielfach selbst solidarisch wirtschaften, indem sie mit Familienökonomie auch für ihre Jugendlichen sorgen.
Bayer sagt, dass besonders im Osten Deutschlands Jugendliche aus Familien ohne Migrationshintergrund anfällig sind für rechte Gewalt, während andere dadurch geschützt sind, dass ihnen die Familie eine Perspektive bietet, sie im Laden der Eltern mitarbeiten können, sie nicht ohne Arbeit ins Bodenlose fallen. Positive Beispiele gibt es aber auch im Heimatland des Kapitalismus, wie Andreas Exner sagt: in Detroit gab es schon lange eine Krise der Autoindustrie, dadurch auch Abwanderung und viel Brachland in der Stadt.
Zusammen mit Universitäten und StudentInnen wurden nun Konzepte für „urban agriculture“ und „community gardening“ erstellt und auch umgesetzt. Da lernten viele Menschen wieder, mit anderen zu kooperieren, und was sie ernteten, teilten sie sich und kochten auch Essen für Ausspeisungen an Arme. Auf einem anderen Level, aber vom Prinzip her ähnlich ist eine Initiative zweier Landwirte in Hessen, die Bio-Catering für Kommunen aufzogen und dem sich immer mehr Höfe anschlossen. Es werden Schulen, Kindergärten, Veranstaltungen beliefert, wobei pro Essen um 50 Cent mehr berechnet werden als bei anderen AnbieterInnen.
Dadurch wird Bildung für die Kinder am Land unterstützt, die, so Bayers Erfahrung, das bäuerliche Leben, wie wir es uns vorstellen, vielfach erst wieder kennenlernen müssen, da sie auch schon total medienorientiert sind. Ob Stadt oder Land – der Wunsch nach Alternativen im Zusammenleben, was natürlich auch die Art und Weise beinhaltet, wie wir arbeiten und unseren Lebensunterhalt sichern, wird überall stärker. Wie vernetzt die Situation ist, in der wir gegenwärtig leben, wird bei den Diskussionen bei Elevate aber ebenso klar wie die Vielfalt an alternativen Gedanken und vor allem bereits laufenden Projekten...
Der Freitag im Rückblick: Alexandra Bader kommentiert
Die ökologische Krise stand am vergangenen Diskussionstag beim Elevate Festival im Zentrum, diskutiert wurden die Zusammenhänge zwischen der Klima-, Ernährungs- und Ressourcenkrise und dabei einem Modell von nachhaltiger und zukunftsfähiger Landwirtschaft auf den Grund gegangen.
Zahlreiche interessierte BesucherInnen haben die Veranstaltungen verfolgt und u.a. mit der Sprecherin von Via Campesina (eine weltweite Vereinigung von Bauern) Irmi Salzer, mit der Klimaaktivistin Mona Bricke sowie dem Experten für Landwirtschaft und Ernährung und unabhängigen Berater von Regierungen und NGOs Geoff Tansey mitdiskutiert. Darunter auch die mit zwei Medienpreisen ausgezeichnete österreichische Journalistin Alexandra Bader - sie hat an den Workshops und Diskussionen teilgenommen und sich im Anschluss gleich an ihren Computer gesetzt - ihre persönlichen Zusammenfassungen gibts hier im Elevate Blog nachzulesen.
Bader, 23.10.: Das Wachsen der Klimabewegung
Bader, 23.10.: Die globale Wirtschaft
Hier der jüngste Eintrag:
Bader, 23.10.: ein umfassender Systemzusammenbruch
Ökologie, Landwirtschaft, Gentechnik, Konzerne und Kapitalismus hängen zusammen, und das haben ExpertInnen aus verschiedenen Bereichen in einer Diskussion veranschaulicht. Etwa Andreas Exner, von der Ausbildung her Vegetationsökologe, der aber auch zum Grundeinkommen veröffentlicht hat (www.social-innovation.org). Für ihn ist der Kapitalismus die „Vermarktlichung“ aller Beziehungen. Für Geld werden Waren produziert, die mehr Geld einbringen sollen. Daher ist die Geldwirtschaft auch ein fundamentales ökologisches Problem, da sie mit Ressourcen und immer mehr Verbrauch gekoppelt ist.
Aus Geld muss einfach mehr Geld entstehen, das ist ein Wachstumszwang, an den sowohl Unternehmen gekoppelt sind als auch jene GewerkschafterInnen, die keine andere Perspektive entwickelt haben. In diesem System müssen unabhängige ProduzentInnen enteignet werden, denn das Kapital braucht Zugang zu allen Ressourcen. Die Enteigneten müssen stillhalten, was auch dadurch erreicht wird, dass man ihnen eine Entwicklungsperspektive im System anbietet. Ressourcen werden aber immer knapper, und ob „Peak Oil“ letztes Jahr erreicht wurde, wie viele annehmen, oder ob der Höhepunkt der Förderkapazitäten noch nicht überschritten wurde – Tatsache ist, dass nicht erneuerbare Ressourcen knapper werden.
Denn es wird stets mehr davon benötigt und die Förderung und Erschliessung wird teurer. Exner meint, eine Auswirkung dessen war die Nahrungsmittelkrise letztes Jahr, an der steigende Agrospritproduktion Anteil hatte. Dann gab es auch Wetterextreme, Dünger kostete das Doppelte, es wurde mit Nahrungsmitteln spekuliert – all das führte dazu, dass Essen für viele Menschen unerschwinglich wurde und sie sich in Hungerrevolten auflehnten. Es wird, warnt Exner, Nutzungskonflikte wegen der Verknappung von Nutzungsflächen geben.
Bauern und Bäuerinnen wissen am besten, wie man Landwirtschaft betreibt
Geoff Tansey befasst sich mit Landwirtschaft und biologischer Vielfalt (www.tansey.org.uk) und macht eindringlich klar, dass sich das herrschende System des Hungers nicht annimmt, auch weil alles als Problem der Zukunft verstanden wird und nicht der Gegenwart. Denn das Basismodell bei Nahrungsmitteln und Landwirtschaft ist die industrielle Produktion in Verbindung mit fossilen Brennstoffen. Das ist aber „kein natürliches Phänomen“, sondern es geht um Macht (wer?), Kontrolle (wie wird sie ausgeübt?), Risiken (wie werden sie gering gehalten?) und Gewinn (wie ist er möglichst groß?).
Im ganzen Nahrungsmittelsystem (man muss es so nennen) haben wenige die Kontrolle, als Produzenten, Hersteller, Händler und Verteiler, während die Masse der Bauern und Bäuerinnen und Arbeiter wenig Einfluss haben. Die Akteure handeln global, sei es beim Saatgut, sei es in der Gentechnik. Angeblich brauchen wir Produktionssteigerungen bei der Nahrung, doch im Unterschied zu anderen Konsumgütern, von denen man mehr kaufen kann, ist es unmöglich, fünfmal so viel zu essen. Die Industrie macht daher billige Produkte teurer, um Gewinne zu erzielen, und redet uns auch ein, dass etwa ein Abgehen von Flächenstilllegungen dazu dienen würde, Nahrung für die Armen herzustellen.
Wenn globale Player agieren, erklärt Tansey, wollen sie einheitliche Standards durchsetzen und schaffen Muster, nach denen etwas abzulaufen hat. Die Kämpfe sind in vielen Bereichen ähnlich, es geht ja auch um den Zugang zu Arzneimitteln oder um Musik im Internet. Die Landwirtschaft ist traditionell ein sehr offenes System, da man Saatgut untereinander tauscht und es auch immer mehrere Wege gibt, etwas zu tun, eben nichts Standardisiertes.
Die globale Ordnung wurde von den Europäern geschaffen, die im 19.Jahrhundert billige Nahrung für ihre Industriearbeiter benötigten. Sie ist also historisch geschaffen und kann daher natürlich auch geändert werden. Forschung im Bereich Landwirtschaft muss offen sein, da Bauern und Bäuerinnen sie nicht finanzieren können. Die Destabilisierung des Klimas hängt auch mit der industrialisierten Landwirtschaft zusammen, doch die Reaktionen darauf lassen keinen Willen zum Systemwandel erkennen. Denn Agrosprit, der so gerne propagiert wird, ist keine Lösung, da er viel Fläche in der Herstellung verbraucht und so zum Steigen der Nahrungsmittelpreise beiträgt.
Auch die Finanzkrise hat einen Bezug zur Situation der Landwirtschaft, denn bis in die 80er Jahre konnte man nur dann mit etwas handeln, wenn man auch physisch präsent war. Wenn nun nach mehr vom Gleichen gerufen wird, also mehr Technologie, mehr industrielle Landwirtschaft, dann ist das die falsche Politik, sagt Tansey. Die Landwirtschaft hat tausende Jahre überlebt, sodass man den Bauern und Bäuerinnen nur die Möglichkeit geben muss, für sich selbst und für andere zu sorgen.
Kleinbauern und -bäuerinnen wehren sich
Irmi Salzer ist Bäuerin und Sprecherin der Bergbauernvereinigung und von Via Campesina, der Vereinigung der Landlosen und der Kleinbauern und –bäuerinnen, die weltweit 200 Millionen Mitglieder hat. Sie mag das Wort Krise nicht, weil es suggeriert, es sei ein Zustand, der nicht von Dauer ist. Was wir erleben, und besonders, was 2008 im Bereich Nahrungsmittel passierte, ist aber nur die Spitze des Eisberges. Denn die Probleme, die wegen der Fernsehbilder von den Hungerrevolten wegen verteuerter Lebensmittel bewusst wurden, verschärfen sich schon seit Jahrzehnten.
Man möchte es kaum glauben, aber jene, die das vorherrschende System vertreten, wittern gerade jetzt Morgenluft, indem sie die Produktion noch ankurbeln wollen, „gegen den Hunger“. Es geht aber darum, bei uns mehr herzustellen, denn nur ein Bruchteil des globalen Lebensmittelkonsums wird auf Weltmärkten gehandelt, aber dieser geringe Teil ist für die Gestaltung der Preise im Inland verantwortlich. Als Lösungen werden, meint Salzer, nur „alte Hüte“ angeboten, eben Produktionssteigerung, Gentechnik und immer mehr Maschinen. Kleinbauern und –bäuerinnen haben aber seit vielen tausend Jahren die Welt ernährt, sie wissen, wie es geht.
Es braucht einen Systemwandel in Richtung kreislauforientierter, an lokaler Ökonomie orientierter Landwirtschaft, die Zugang zu Wasser, Saatgut und Märkten hat und für die nach den Bedürfnissen der Bauern und Bäuerinnen geforscht wird. Ein Großteil der Hungernden lebt nicht in Städten, sondern am Land, also dort, wo sich die Menschen erfolgreich selbst versorgen können, wenn man sie nur lässt. Es kommt auch darauf an, wie man Effizienz definiert, denn wenn es um ökologische Kriterien geht, sind die Kleinbauern und –bäuerinnen „effizienter“. Sie sind viel produktiver, sie sorgen für Biodiversität, für saubere Luft und Humusaufbau und stellen Biogas her.
Das Klima in der Krise
Mona Bricke (www.gegenstromberlin.net) beteilligt sich an der Vorbeitung von Aktionen zum UN.-Klimagipfel im Dezember in Kopenhagen im Rahmen der Plattform Climate Justice Action, die „Klimagerechtigkeit“ fordert. Das bedeutet, dass jeder Mensch, ob sie/er im Norden oder im Süden lebt, das Recht auf den gleichen Ressourcenverbrauch hat. Bricke sagt, dass sich im Bereich der vielen Initiativen die Geister scheiden, wie der „offizielle“ Gipfel zu beurteilen ist. Wie weit soll man dagegen protestieren? Wäre es nicht schlimmer, wenn kein Nachfolgeprotokoll zu Kyopto zustande kommt? Soll man auf ein gutes Ergebnis hoffen, sich als Verbündete der Verhandelnden betrachten?
Vieles, was im Bereich Klima diskutiert wird, dreht sich um Zahlen und Fakten, da wird dann darüber gestritten, wie stark sich die Erde in welchem Zeitraum erwärmt hat und was das bedeutet. Tatsächlich hat auch die Emission an Treibhausgasen zugenommen, wobei der Prozentsatz, um den sie wachsen, stetig größer wird. Bricke hält es für gefährlich zu sagen, es gäbe keine Alternativen zu Kyoto und dem Nachfolgeprotokoll. In Wahrheit muss ein kompletter Systemwechsel stattfinden, wir müssen zu einer „Schrumpfungsökonomie“ übergehen. Das ist natürlich richtig, aber es fragt sich, wie man es politisch Menschen vermitteln will, die ohnehin durch Verteilungsdebatten verunsichert sind. „Ihr werdet weniger haben, aber alle werden zum Wohl aller weniger haben“ zu sagen ist viel schwieriger als Umverteilung nach rein ökonomischen Kriterien zu fordern.
Mona Bricke sagt zu Recht, dass wir uns von „der Überproduktion für die Überkonsumption“ wegbewegen müssen. Sie weiss aber auch, dass die Debatten um das Klima längst von einem riesigen Apparat geführt werden, der sich im Rahmen des UN Framework for Climate Change (UNFCC) gebildet hat. Was aber kann man außerhalb des Apparates so bewirken, dass dieser auch beeinflusst wird? Nun, als Berichterstatterin, die mit all diesen dichtgedrängten Infos konfrontiert wird, fiele mir schon etwas ein. Alle Initiativen könnten sich an ihre nationalen Regierungen wenden, die beim Klimagipfel nicht darüber verhandeln sollten, selber möglichst wenig im Vergleich zu anderen zu tun. Sondern sie sollten all das voller Stolz und mit der Aufforderung zur Nachahmung präsentieren, was in den Ländern bereits passiert....
Das Wachsen der Klimabewegung
In Richtung auf die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen (7. - 18. Dezember 2009) diskutierten Mona Bricke aus Berlin (www.gegenstromberlin.net), der Kärntner Klimabündniskoordinator Christian Salmhofer ( www.klimabuendnis.at ) und der Grazer Aktivist Martin Fuchs ( http://klimacamp08.net ) über international koordinierte Aktionen (siehe etwa www.climate-justice-action.org ). Für viele Linke ist das Thema Klima eher neu, auch weil es lange Zeit von den Grünen besetzt war. Dies gilt sowohl für Deutschland wie für Österreich, doch weist Mona Bricke auf einen Aspekt hin, der speziell bei unseren Nachbarn wirkt. Nämlich, dass die Grünen in der Koalition mit der SPD beispielsweise den heftig diskutierten Bundeswehreinsatz in Afghanistan unterstützt haben, was aus der Sicht vieler einfach auch der Glaubwürdigkeit grüner Politik schadet.
Dennoch finden immer mehr Linke Zugang zu Klimafragen, wobei es immer auch darum geht, dass Ressourcenverbrauch und menschengemachte Klimaveränderung Ausdruck eines kapitalistischen Systems sind. Auch der Emissionshandel zur (scheinbaren) Reduktion des CO2-Ausstoßes drückt das ja aus, wobei man ihn auch „grünwaschen“ nennen kann. Fragwürdig sind Investitionen in anderen Ländern, die zwar umweltfreundlich sind, aber zugleich Tierleid verursachen (Biogasanlage in Verbindung mit Massentierhaltung als Beispiel). Manchmal muss eine schädliche Produktion ohnehin eingestellt werden, man lässt sich das aber unter dem Klimaaspekt finanzieren.
Während das Kyotoprotokoll aus wenigen Seiten bestand, umfassen die Nachfolgeprotokolle mehr als 200 Seiten. Einer der Streitpunkte ist die Bewertung von Atomenergie, welche die einen als sauber und klimafreundlich betrachten, die anderen aber einschränken oder abschaffen wollen. Entschieden wird aber im Konsens, bei 192 Staaten. Bei der Konferenz wird dann gepokert, denn wer am meisten reduzieren muss, unterliegt wirtschaftlich, während der siegt, der es schafft, mit wenig Reduktion davonzukommen.
Spätestens da müssten die zahlreichen Initiativen, die sich kritisch mit dem Gipfel auseinandersetzen ja einhaken und sich jeweils national an die Regierungen wenden, damit andere Wertigkeiten gelten: wer positive Beispiele realisiert, ist den anderen Vorbild, nicht wer möglichst wenig Positives tut (nur so ein Gedanke). Angesichts zahlreicher fantasievoller Aktionen und Tagungen der GegnerInnen / KritikerInnen sieht es fast nach zwei Konferenzen aus, in die sehr viel Energie (auch im Ressourcen-Sinn) gesteckt wird. Diejenigen, die nur von außen auf die „Mächtigen“ einwirken können, ziehen mit ihnen beinahe gleich, was Intensität, Dauer und Medienpräsenz ihrer Aktivitäten betrifft.
Dabei wird es aber, und das ist vielleicht der entscheidende Unterschied, keineswegs ein Spaziergang, außerhalb der „Mauern“ zu sein. Die dänische Polizei schnappt sich nämlich Menschen, die mit Kapuzenshirts unterwegs sind und verprügelt sie, einfach so. Damit nicht genug, es soll vor Kopenhagen auch ein „Lümmelpaket“ das Parlament passieren (es heisst wirklich so, halt auf Dänisch), das es ermöglicht, Menschen „präventiv“ bis zu 40 Tage in Haft zu nehmen. Also theoretisch alle, die irgendwie kritisch sind und das vielleicht auch während des Klimagipfels artikulieren könnten.
Erklärtes Ziel der DemonstrantInnen wird dennoch sein, so nahe wie möglich an die offiziell Tagenden heranzukommen. Man rechnet mit dem Einsatz von Wasserwerfern, im Winter ja nicht gerade ein Vergnügen, doch soll es auch (seitens der Protestierenden geschaffene) „Aufwärmzonen“ geben. Eine Vertreterin der Via Campesina (www.viacampensina.at) erzählt von Protesten ihrer Organisation (weltweite Vernetzung der Kleinbauern und –bäuerinnen und der Landlosen) bei einem WTO-Gipfel in Hongkong. Ein Südkoreaner hat sich selbst verbrannt, die AktivistInnen harrten lange aus und hatten auch gute Medienberichterstattung.
Etwas Schlimmeres und Tragischeres als eine Selbstverbrennung aus Protest gegen ungerechte Beschlüsse und Besitzverhältnisse kann es ja wohl nicht geben – und dennoch hat es nichts bewirkt. Was wird also mit dem erreicht werden, was für Kopenhagen alternativ geplant ist? Nunja, die Weltsozialforen haben auch zu verändertem Denken geführt, das freilich die Finanzmarktkrise nicht verhindern konnte, weil deren Verursacher weder durch „offizielle“ noch durch inoffizielle Gipfel in die Pflicht genommen werden.
Aber sie haben zum Wissen, wie die Welt ist und eine Ahnung davon, wie sie sein sollte, viel beigetragen. Ähnliches geschieht jetzt mit der Klimabewegung, die ja relativ „jung“ ist, denn wie Christian Salmhofer erklärt, ist ein von Menschen gemachter Klimawandel erst seit 2004 wissenschaftlich abgesichert. Vorher waren es einzelne ForscherInnen und auch Modellrechnungen oder Zukunftsszenarien (die freilich nicht so unzutreffend waren). Ein Teil dieser Bewegung sind Klimacamps, die Zeltlagern gegen Atomraketenstationierung und AKWs nachempfunden sind. Ausgegangen sind sie von Großbritannien, wo es zuletzt vier Camps im Jahr gab, die NachahmerInnen in den USA, Neuseeland, Australien, Deutschland und anderen europäischen Ländern fanden. Dabei treffen sich Menschen (bei London waren es letztes Jahr 3000) und veranstalten Workshops, bilden sich weiter, entwerfen Alternativen und planen Aktionen.
Es werden die Standorte von Kohlekraftwerken oder auch Flughäfen gewählt. Da die Klimabewegung in England am stärksten ist, hat sie bereits Erfolge zu verzeichnen: so verzichtet E-ON darauf, ein Kohlekraftwerk zu bauen (es soll „umweltfreundlicher“ sein durch ein neues Abscheideverfahren). Es verwundert wohl auch nicht, dass Internetsuche zu Klimathemen auf Blogs von Greenpeace Großbritannien oder die Webseiten britischer JournalistInnen und Organisationen führt. Klima wird als zentrales Anliegen politischen Engagements verstanden, während sich bei uns viele erst an das Thema herantasten. Gerade Festivals wie Elevate kombinieren unterschiedliche Zugänge, die zeigen, wie sehr alles zusammenwirkt. Denn auch beim Thema nachhaltige Landwirtschaft wird darauf verwiesen, dass Widerstand gegen die Fremdenrechtsnovelle wichtig ist – ebenso ist Asylrecht eine umweltpolitische Frage, da Klimaflüchtlinge bislang kein Asyl erhalten.
BäuerInnen und die Globale Landwirtschaft
Irmi Salzer (Bergbauernvereinigung und Via Campesina Austria) stellte beim Thema „Nachhaltige Landwirtschaft und Ernährungssouveränität“ dar, "dass wir uns internationalen Zusammenhängen nicht entziehen können.“ Die Produktion von Lebensmitteln basiert in Europa auf der Ausbeutung von Menschen“, das muss uns bewusst sein. Gemeint sind beispielsweise Flüchtlinge, die in Italien Salat pflücken, aber auch Menschen aus Ungarn, die in Österreich zu geringem Lohn Spargel und Erdbeeren ernten.
Als Aktivwerden von KonsumentInnen, das ja immer wieder beschworen wird, kann man alles verstehen, denn auch der Kampf gegen ein verschärftes Fremdenrecht hilft. Genossenschaften, egal ob in Brasilien, Afrika oder sonst wo, vertreten selten die Interessen der Bauern und Bäuerinnen, für die sie einst gegründet wurden, sondern sind intranspartent und anfällig für korrupte Führungsschichten. Auch im Bereich von Kammern und anderen Institutionen wird gerne daran appelliert, dass „wir“ doch zusammenhalten müssten.
Gemeint ist jedoch, dass die Kleinen sich den Vorstellungen der Großen anschliessen, egal was für sie selbst das Beste wäre. In der Wirtschaftskrise, aber nicht nur dann, ist auch zu beobachten, dass so etwas wie „bäuerliches Entrepreneurship“ forciert wird. Aktuell hat die steirische „Kleine Zeitung“ eine Doppelseite, wo Bauern und Bäuerinnen mit ihren Innovaitionen vorgestellt werden, also dem, was sie sich nebenbei so alles einfallen lassen (müssen). Irmi Salzer meint zu den Interessensvertretungen ganz nüchtern, dass jene, die sich für Bauern und Bäuerinnen einsetzen sollen, deren Interessen eben nicht vertreten.
Mit der Solidarität der „Kleinen“, die die „Großen“ bei zahlreichen Veranstaltungen einmahnen, wird Strukturwandel gefördert, das muss uns bewusst sein. Freilich ist auch nicht alles toll, was sich bio nennt, denn es gibt Bauern, die gerade mall ihr Bundesland gentechnikfrei halten wollen, egal was im Rest der Welt passiert. Weltweit schließen sich aber Kleinbauern und BäuerInnen zusammen auch mit Landlosen (in der Via Campesina) und kämpfen für Ernährungssouvernität. Dazu tragen auch Initiativen bei wie das Community- und Guerilla-Gardening, wo BürgerInnen brachliegende städtische Flächen in Gärten mit Blumen, Gemüse und Obst verwandeln. Vielleicht auch ein Zufall, dass Margaret Atwood in ihrem neuen Öko-Thriller „Das Jahr der Flut“ Menschen, die auf den Dächern von Häusern Gärten kultivieren, einer technologischen Diktatur entgegensetzt.







